Bert-Donnepp-Preis 2009 für Fernsehkritiker Torsten Körner

 

Preisverleihung am 9. Februar 2010 in Marl:
Schauspieler Matthias Brandt hält Laudatio

 

(Marl) Der mit 5000 Euro dotierte Bert-Donnepp-Preis geht für das Jahr 2009 an den Fernsehkritiker Torsten Körner. Die Entscheidung der Jury wurde am 1. Februar vom Adolf-Grimme-Institut bekannt gegeben. Körner, 44, schreibt als freiberuflicher Fernsehkritiker für die Branchenblätter „Funkkorrespondenz“ (Bonn) und „epd medien“ (Frankfurt am Main), daneben auch für Tageszeitungen (u.a. „Berliner Zeitung“). Außerdem ist Körner Autor mehrerer Bücher. So schrieb er viel beachtete Biografien über Heinz Rühmann, Götz George und Franz Beckenbauer.

Torsten Körner, so die Jury in ihrer Begründung, „gelingt es immer wieder auf unter die Haut gehende Weise, die Empfindungen, die in den Filmen mitschwingen und sich in den Figuren ausdrücken, zu rekonstruieren, so dass seine Texte selbst das Gemüt derer zum Brodeln bringen, die den besprochenen Film nicht gesehen haben. Im Idealfall sind Körners Kritiken somit selbst kleine Filme.“ Sie seien dabei stets auch „Miniaturen von Essays, die jenseits der Tagesaktualität auf einer zweiten Ebene – gleichsam als besinnlicher Anhang – basale Fragestellungen des menschlichen Zusammenlebens mit aufnehmen, reflektieren, aus dem Film fortführen und zur Diskussion stellen.“ Dies verleihe den Texten „eine einzigartige Nachhaltigkeit“.

Die Jury weist darauf hin, dass in der heutigen Medienlandschaft die klassische Fernsehkritik ein Genre in Gefahr sei. Sie betont deshalb in ihrer Preisbegründung, sie verstehe ihre Entscheidung, den Bert-Donnepp-Preis an Torsten Körner zu verleihen, zugleich „als Votum dafür, dass die Werte schätzende Fernsehkritik als anspruchsvolle Genre auch in Zukunft gehegt und gepflegt werden möge“.

Torsten Körner wurde am 21. September 1965 in Oldenburg geboren. Er studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und schloss sein Studium mit einer Promotion über Heinz Rühmann ab. Körner lebt in Berlin und ist seit 1998 als freier Fernsehkritiker tätig.

Der Bert-Donnepp-Preis – 1991 vom Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises als Deutscher Preis für Medienpublizistik gestiftet – wird am 9. Februar 2010 im Rahmen des „Bergfestes“ der Jury-Woche beim Grimme-Preis in Marl verliehen. Die Laudatio auf Torsten Körner hält der Schauspieler Matthias Brandt.

 

 

Weitere Informationen:

Dr. Ulrich Spies, Referatsleiter Adolf-Grimme-Preis
Tel. 02365 – 918922, E-Mail spies@grimme-institut.de

Die Begründung der Jury

zur Vergabe des Bert-Donnepp-Preises 2009 an Torsten Körner

 

Das Fernsehen hat es schwer im Internet-Zeitalter. Wem YouTube, Twitter und Facebook als cool und faszinierend gelten, bei dem gerät das Fernsehen schnell aus dem Blick. Medienseiten werden abgeschafft, wo das Fernsehen – zum Teil in Verkennung der wirklichen Lage – nicht mehr als gesellschaftliches Leitmedium gesehen wird. So sieht sich das Fernsehen in seiner Funktion als intellektueller Raum mit einem anschwellenden Bedeutungsverlust konfrontiert. Dieser Trend in Kombination mit der Segmentierung der Medienlandschaft hat auch die klassische Fernsehkritik an den Rand gedrängt. Doch es gibt sie noch, die guten Dinge. Wer sich die Mühe macht, sie zu suchen, findet sie sowohl im Medium Fernsehen als auch in den Texten seiner Beobachter.

 

Einer von ihnen ist Torsten Körner. Er hat seine Zuneigung zum Fernsehen nie verloren, er ist Fernsehkritiker mit Leidenschaft, er pflegt diese Profession, und genau darauf kommt es an. Für Körner, dessen Schwerpunkt Texte über fiktionale Filme sind, ist das Fernsehen kein flüchtiges Nebenbei-Medium, über das man sich am besten nur noch zynisch mokiert, sondern für ihn es die immer wieder neu zu erweckende Möglichkeit, kunstvoll-unterhaltsam für ein großes und auch mal weniger großes Publikum Geschichten über das Leben zu erzählen, in seinen besten Momenten in einer Qualität von literarischer Art.



Torsten Körner gelingt es, dies auf seine Beobachtungen zu übertragen. So sind seine Rezensionen sehr bewusst in einem literarischen Stil verfasst, wie ihn nur wenige beherrschen. Körner war Doktorand des 2003 gestorbenen Schriftstellers, Literaturkritikers und Wissenschaftlers Reinhard Baumgart (TU Berlin) und hat bei ihm im Jahr 2000 promoviert. Baumgart nennt er sein Vorbild, und mit ihm hat er die große Sprach- und Gestaltungskraft gemein.

Die Stärke Torsten Körners ist es, sehr differenziert Schauspielerleistungen zu beschreiben, ihre Gestik, Mimik, ihren ganzen Ausdruck zu erfassen. Er vermag dem Leser die filmischen Figuren in all ihren Nuancen und Schattierungen sehr nahezubringen. Es ist ein Kritiker mit ausgeprägter Empathie. Ihm gelingt es immer wieder auf unter die Haut gehende Weise, die Empfindungen, die in den Filmen mitschwingen und sich in den Figuren ausdrücken, zu rekonstruieren, so dass seine Texte selbst das Gemüt derer zum Brodeln bringen, die den besprochenen Film nicht gesehen haben. Im Idealfall sind Körners Kritiken somit selbst kleine Filme; sie sind dabei stets auch Miniaturen von Essays, die jenseits der Tagesaktualität auf einer zweiten Ebene – gleichsam als besinnlicher Anhang – basale Fragestellungen des menschlichen Zusammenlebens mit aufnehmen, reflektieren, aus dem Film fortführen und zur Diskussion stellen. Dies verleiht Körners Texten über das Fernsehen eine einzigartige Nachhaltigkeit.

Torsten Körner hat beim Fachblatt „Funkkorrespondenz“ seine Kritiker-Heimat, er schreibt zudem regelmäßig für die Schwesterpublikation „epd medien“ und für Tageszeitungen (u.a. „Berliner Zeitung“). Ergänzend zu seiner Tätigkeit als Fernsehkritiker schreibt er Bücher: Mit seinen einfühlsamen und hoch gelobten Biografien über Franz Beckenbauer, Heinz Rühmann und Götz George hat er sich einen Namen gemacht.

 

Torsten Körner hat zum Fernsehen und den Menschen, die mit ihm zu tun haben, ein sensibles, ein einfühlsames Verhältnis, er ist, um es mit einem Wort Hans Jankes zu sagen, „dem Medium zugewandt“. Und das ist die beste Voraussetzung, um dem Fernsehen im Wortsinn gerecht zu werden. Die Jury versteht ihre Entscheidung, den Bert-Donnepp-Preis an Torsten Körner zu verleihen, zugleich als Votum dafür, dass die Werte schätzende Fernsehkritik als anspruchsvolles Genre auch in Zukunft gehegt und gepflegt werden möge, im Dienst der Zuschauer, Leser und Fernsehmacher.

 

 

 

Laudatio für Torsten Körner von Matthias Brandt

Ich wurde gebeten, ein paar Worte zu Ehren von Torsten Körner zu sagen, der in diesem Jahr den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik erhält. Mich hat angenehm überrascht, dass jemandem meiner Profession das selbständige Verfassen einer solchen Lobrede zugetraut wird und ich komme dem Wunsch in diesem Fall sehr gerne nach.

 

Habe ich den Geehrten doch als sehr genauen Beobachter und Begleiter unserer Arbeit und darüber hinaus als spannenden Gesprächspartner kennen gelernt.

 

Zum ersten Mal begegnet sind Torsten Körner und ich uns anläßlich eines Interviews, das Körner mit mir für sein Fußballbuch „Auch ich war einst Pele“ führte. Es ging um Kindheits- und Jugenderinnerungen einiger Leute im Zusammenhang mit Fußball und schon hier fiel mir Körners außergewöhnlicher Blickwinkel auf die von ihm beschriebenen Menschen und deren Besonderheit auf. Er begab sich auf die Suche nach dem stillen, meistens einsamen, vielleicht auch mal wortlos zweisamen Moment, in diesem Fall dem, der beschreibt, was Fußball Menschen wie mir bedeutet. Oft ein Augenblick, in dem man sich als Fritz Walter oder Pele oder Zidane über sich selbst hinaus geträumt hat. Ein Moment, in meinem Fall stark genug für ein ganzes Leben. Ich fand es toll, dass jemand sich auf diese Weise dafür interessiert.

 

Auch wenn ich die anderen Arbeiten Torsten Körners lese, finde ich diese Suche und diese Perspektive wieder, bei der Beschreibung dessen, was ihm an einem Film wichtig ist, aber auch und gerade bei dem Versuch, Öffentlichkeitsfiguren wie George oder Rühmann oder auch Beckenbauer vorsichtig von der Last der Selbstdarstellung zu befreien und nachzuschauen, was, hat man dies getan, bleibt. Ob etwas bleibt.

 

Bis zu diesem Punkt ist unsere Vorgehensweise ja durchaus verwandt. Beide beobachten wir geduldig und suchen nach dem Moment, von dem aus sich das Andere aufschlüsselt. Getrennte Wege gehen wir dann erst im Ausdruck.

 

Wir sind uns noch nicht so oft begegnet aber wenn, dann meistens in Körners Wohnung in Berlin - Friedenau. Er hat mich zu einem Gespräch eingeladen und das fühlte sich richtig an und schien mir schon in der Eröffnung klug zu sein. Jemand will etwas von mir und zeigt mir erstmal was von sich: sein Zuhause. Er ist ein vorsichtiger, aber zielgerichteter Fragender. Und, das ist heutzutage gar nicht hoch genug zu schätzen, man hat als Befragter nicht das Gefühl nur seine aktuellen Google Suchergebnisse kommentieren zu müssen. Gewisser maßen zu früheren Interviews interviewt zu werden. Was genau so langweilig ist wie ein Schauspieler, der sein Material nicht mehr im Leben, sondern in früheren Darstellungen, schlimmstenfalls den eigenen, sucht.

 

Unsere zweite längere Unterhaltung fand in Vorbereitung zu Körners Götz-George-Biografie statt. Ich hatte in einem „Schimanski“ mitgespielt und Körner hatte gehört, dass ich mich, aller Warnungen vor dem angeblich so schwierigen Kollegen zum Trotz, mit diesem ausgesprochen gut verstanden hatte und es sich um eine besonders glückliche Zusammenarbeit handelte. Ich war über die Gelegenheit, endlich mit George arbeiten zu können, sehr froh. Seine Bedeutung ist für Schauspieler meiner Generation gar nicht hoch genug einzuschätzen. Er hat uns als Schimanski wieder vor den Fernseher geholt und das war nicht so leicht, denn Fernsehen war damals, Anfang der Achtziger, mindestens so uncool wie heute.

 

Bei unserem Gespräch über George fiel es mir wieder auf, das genaue Hinsehen. Das fand ich spannend, existieren doch über kaum einen Kollegen so viele Klischees wie über George, von diesem ja auch durchaus befördert. Aber gerade dann kommt es doch darauf an, genau zu sein, zu schauen, mit wem man es zu tun hat , wo das so genannte „Schwierige“ nur Attitüde und wo es in dessen Biographie und Persönlichkeit begründet arbeits- und wohl auch überlebensnotwendig ist.

 

Wenn ich in einem Satz beschreiben soll, was mich in meiner Arbeit antreibt, dann ist es, aus einem gewissen Grundzweifel mich selbst und mein Leben betreffend heraus, die Neugier, herauszufinden und dann zu zeigen, wie mein Nachbar das eigentlich macht : das Zurechtkommen mit dem Leben.

In dem Wissen, wie schwer das oft ist, wie leicht es schief gehen kann und ohne dessen Wahl des Weges zu werten.

 

Etwas von dieser Haltung meine ich auch in Torsten Körners Stücken zu finden. Ich sehe so eine Grundsympathie für die Verschiedenartigkeit der Menschen und deren Bemühen, den Kopf oben zu behalten und das mag ich, sehr.

 

Auch deshalb freue ich mich, hier heute dabei sein zu können und dadurch zu zeigen, wie wichtig ich es finde, dass jemand wie Körner gut hinschaut und auch oder vielleicht sogar besonders die leisen Töne hört. Für einen Schauspieler wie mich ist das eigentlich lebenswichtig.

 

Wir dürfen uns auf ein neues Buch von Torsten Körner freuen. Es soll „Geschichten aus dem Speisewagen“ heißen und die Idee ist so einfach und so gut, dass es schlicht ärgerlich ist, da nicht selber drauf gekommen zu sein. Ein Jahr lang war er mit der Bahn quer durch Deutschland unterwegs und wartete im Speisewagen auf die besonderen erzählenswerten Begegnungen und Momente. Hört sich an, als sollte Claude Sautet es verfilmen. Für so ein Projekt braucht es natürlich den geduldigen Beobachter. Die wirklich interessanten Momente bekommt man nicht mal eben so geschenkt. Und Geduld hat er offensichtlich, der Langstreckenläufer Torsten Körner. Wie schön, dass so jemand sich auch mal mit Menschen beschäftigt statt mit Orchideen oder Buntspechten.

 

Meine Damen und Herren, lieber Torsten Körner. Wenn man sich in seinen Arbeiten um die Darstellung von Menschen in ihrer Vielschichtigkeit bemüht, ist es sehr wichtig, Kommentatoren und Begleiter wie Sie zu haben, damit dies wahrgenommen wird, damit vor allem der Unterschied zwischen dem und der Eindimensionalität, dem Lärm wahrgenommen wird.

 

Denn ich glaube, die Probleme des Fernsehens liegen oft nicht in den manchmal skurrilen Ausformungen von Selbstherrlichkeit einzelner Verantwortlicher begründet.

Sondern darin, dass sich Ängstlichkeit, Zögerlichkeit und Resignation so breit machen und dass dann irgendwann aufgehört wird, zu unterscheiden.

 

Und sich deswegen nur noch selten jemand wirklich für etwas entscheiden kann. Dass in allem und jedem, künstlerisch - inhaltlich und persönlich immer gemeint wird, sich absichern zu müssen. Wogegen auch immer. Das ist die Pest.

 

Und trotzdem gelingen uns in jedem Jahr, einige wirklich aufregende, schöne, außergewöhnliche Fernsehfilme.

 

Weil es ein paar Macher gibt, in den Sendern, vor und hinter der Kamera, die vor allem nach Wahrhaftigkeit suchen und sie manchmal sogar finden.

 

Torsten Körner weiß auch um den Wert dieser Suche und begleitet diese mit Sympathie. Er vernichtet nicht, wenn sie misslingt, auch wenn er das klar benennen muss. Er ist ein kritischer Verbündeter.

 

Übrigens, falls ich’s noch nicht erwähnt habe: der Mann kann schreiben. Und zwar richtig gut.

 

Der Bert-Donnepp-Preis für Fernsehkritiker wird in diesem Jahr dadurch geehrt, dass er ihn bekommt: der Menschenbeobachter Torsten Körner.

 

 

Dankesreplik von Torsten Körner

Deadlines und Lifelines 

Ich würde Ihnen gerne ein bisschen Zeit stehlen. Keine Angst, ich mach‘s nicht lang, aber ich mach‘s auch nicht so kurz, wie sie vielleicht erwarten, oder sich erhoffen. Die Zeit, die wir jetzt miteinander verbringen werden, kehrt schließlich nicht wieder und genauso wenig werden wir in derselben Zusammensetzung wieder zusammenfinden; selbst wenn ich gerade jetzt, in diesem Augenblick vor ihren Augen sterben würde, und sie sich deshalb alle verpflichtet fühlten, zu meiner Beerdigung zu kommen würde ich bei diesem Abschied fehlen müssen und das wäre ärgerlich - in erster Linie natürlich für mich.

 

Das war jetzt ein Miniatur-Plädoyer für eine gesteigerte Augenblicksverkostung. Geben Sie sich nicht einfach damit zufrieden, auf ihren Plätzen zu sitzen, hoffentlich ohne Durst, Hunger und Toilettendrang, sondern genießen Sie, dass Sie leben, zuhören können und Zeit gefunden haben, hier zu sein. Das ist keineswegs so selbstverständlich und banal wie es sich anhört, denn viele Menschen genießen ihr Leben nicht, viele können nicht mehr zuhören und immer mehr Menschen finden weder für sich noch für andere Zeit. Das Bonmot „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu“, das pointiert von diesem menschenverschlingenden Zeitdilemma handelt, stammt übrigens nicht von Udo Lindenberg und Jan Delay, sondern von dem Schriftsteller Ödön von Horváth, der in seinen Dramen immer wieder getriebene, durch das Tempo geschundene und von der Zeit abgehängte Figuren auftreten lässt.

 

Damit wäre ich bei meinem Thema angekommen: Ich möchte - um etwas später schließlich auch vom Fernsehen zu sprechen - zunächst über den Tod, den Körper und die Zeit bzw. die beschleunigte Zeit sprechen. Ich möchte dabei von meinen eigenen Erfahrungen ausgehen und Ihnen nach einigen Umwegen darlegen, dass sowohl das Fernsehen als auch die kritische Auseinandersetzung mit seinen Inhalten von den Beschleunigungsprozessen der Spätmoderne oder der Postmoderne maßgeblich bestimmt sind und zunehmend unter ihnen leiden. Das, was der Soziologe eine „Beschleunigungspathologie“ nennt, formt maßgeblich auch das Fernsehen, unser TV-Erleben und TV-Empfinden und das Schreiben darüber.

 

Nachdem ich eine Biographie über Götz George geschrieben hatte, ein Buch, das sich, um den Helden zu erfassen, über weite Strecken mit deutscher Fernsehgeschichte befassen musste, wollte ich etwas ganz anderes machen. Ich wollte das Genre wechseln, subjektiver schreiben und - etwa in der vermeintlichen Mitte meines Lebens - mir klarer darüber werden, wie ich meine Lebenszeit gestalte und was ich vom Rest noch erhoffen darf. Denn die temporale Frage "Wie verbringe ich meine Zeit?" ist zugleich die ethische Frage "Wie will ich leben?" Das Buch, das ich daraufhin anfing, trug und trägt den Titel „Sterben für Anfänger“. Dahinter verbirgt sich kein Trauerratgeber, keineswegs, denn Trauer ist sozusagen inkommensurabel und daher für Ratschläge unempfänglich. Genauso wenig geht es um eine Sterbe-Anleitung, ein Vademekum für Moribunde, denn auch das Sterben lässt sich nicht teilen und besteht auf Einzigartigkeit. Nein, ich wollte etwas anderes: Menschen meiner Generation sehen ihre ersten Toten in der Regel, wenn die Großeltern oder die Eltern sterben. Die Medien sind zwar fasziniert vom Tod - man könnte auch von einer grassierenden medialen Nekrophilie sprechen - und inszenieren ihn immer wieder neu, aber aus unserem unmittelbaren Umgebungsalltag ist er verbannt, abgeschoben, ausgelagert in professionelle Institutionen. Und solange man eine solide Oberflächengesundheit vorweisen kann, schert sich niemand groß um Lebensbilanzen, Testamente, Friedhöfe, ums Sterben und Todesarten. Doch wir sind - wie schon Martin Luther wusste - mitten im Leben stets umfangen vom Tod, und ich wollte wissen, wie mein ganz eigener Tod aussehen könnte und wie in unserer Gesellschaft gestorben wird. Ich absolvierte Praktika bei Bestattungsunternehmern, ich besuchte Krematorien, beobachtete Obduktionen, ich hospitierte in Pflege- und Altenheimen und Krankenhäusern. Ich sah das Sterben und viele Tote.

 

Nachdem ich etwa die Hälfte des Buches geschrieben hatte, wurde es wieder Zeit, meinen Verlag in Frankfurt zu besuchen, denn ein Autor, der von seinem Schreiben leben will, sollte beizeiten - also bevor das Buch, an dem er arbeitet, beendet ist - ein Nachfolgeprojekt auf den Weg bringen. Mit drei Themenvorschlägen fuhr ich wie ein vollmundig-forscher Handelsreisender nach Frankfurt und tatsächlich kaufte mir der Verlag eines der Luftschlösser sofort und gleichsam unbesehen ab. Das Buch sollte den Titel „Geschichten aus dem Speisewagen“ tragen und von Begegnungen mit Menschen in der Bahn erzählen, die bereit waren, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen und anzuvertrauen.

 

Ich war kaum nach Berlin zurückgekehrt, als mich der Programmleiter meines Verlags anrief und unumwunden fragte, ob ich mir vorstellen könne, das Sterbebuch einstweilen ruhen zu lassen, um sofort das Speisewagen-Buch beginnen zu können. Der Tod, sagte er, sei ein Thema, das kaufmännisch kaum zu kalkulieren sei, man könne damit tief in den Keller fahren. Ja, meine Bauchschmerzen könne er durchaus verstehen, aber nach dem schönen Verkaufserfolg des „George“-Buches wolle man doch die Quote steigen und nicht fallen sehen. Ich bat mir eine Woche Bedenkzeit aus und entschied mich dann, dem Vorschlag des Verlages zu folgen. Ich kaufte eine „Mobility Bahncard 100“ und fuhr ein Jahr lang durchs Land, immer im Speisewagen, sammelte Begegnungen, Porträts, Dialoge, kleine und große Dramen und die Szenen des nie enden wollenden Unterwegseins ein.

 

Tatsächlich war das zurückliegende Jahr für mich ein glückliches Jahr, weil ich zwar unterwegs war, aber nie ankommen musste. Ich war von einem unmittelbaren Zweck befreit und konnte nachdenken. Während meiner vielen Zugfahrten machte ich die Bekanntschaft mit einer Klasse oder Schicht von Menschen, die ich in dieser Kompaktheit und Eindeutigkeit bislang nur aus der Literatur kannte. Sie alle kennen Michael Endes Roman „Momo“, in dem es ein kleines, schwarzstrubbeliges Mädchen es mit den grauen Herren aufnimmt. Die grauen Herren sind Zigarre rauchende Zeitdiebe, die den Menschen ihre Zeit abschwatzen und sie mit famosen Zeitgewinnen locken, sie aber tatsächlich zu gehetzten, stets ruhelosen Arbeitssklaven umpolen. Ich hatte diesen Roman von Michael Ende nie so gemocht wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, aber wie ich da so zwischen all den grau betuchten Geschäftsreisenden (in der überwiegenden Mehrzahl Männer) in der ersten Klasse saß, wurde mir plötzlich klar, wie hellsichtig Michael Ende, die tyrannischen Tendenzen der digitalen Revolution vorausgesehen hatte, ohne 1973 von Smartphones, Internet und Laptop zu wissen.

 

Ich saß zwischen lauter Menschen, die getrieben wirkten und andere antrieben. Sie bellten in Handys, schlugen auf Tastaturen, sie orderten, verwarfen, sie wiesen auf Termine, verlangten die Einhaltung der „deadline“. Übrigens - eine flüchtige Fußnote sei mir gestattet, könnte man die 1. Klasse auch die graue Klasse nennen, weil in ihr eher die Uniformität vorherrscht, während die 2. Klasse ehe als bunte Klasse zu bezeichnen wäre, weil in ihr kaum ein einheitliches Gesicht, ein einheitlicher Look auszumachen ist. Und jetzt eine letzte gewagte Abschweifung: Die schöneren Frauen sitzen fast immer in der bunten Klasse. Fast immer!

 

Bleiben wir einen Moment bei dem Wort „deadline“, weil sich in ihm unser Lebensdrama in der beschleunigten Welt zusammenballt. Die „deadline“ ist der Abgabetermin, die Abgabefrist. Wörtlich übersetzt müssten wir von der Todeslinie sprechen, die man nicht überschreiten darf, um etwas nicht sterben zu lassen. Wer also eine deadline überschreitet, ist so gut wie tot oder zumindest ist das gestorben, was man verkaufen oder gestalten wollte. So steckt im Wort deadline zwar der Tod, aber im Grunde genommen ist es ein Todesvermeidungswort, ein Wort, das uns anstachelt, antreibt, das Leben einfordert. Wer die deadline einhält, hat bewiesen, dass er noch lebt, dass mit ihm zu rechnen ist, dass man ihn noch nicht abschreiben darf. Die Flucht vor der deadline ist in der beschleunigten Welt oder der „verflüssigten Moderne“ unsere zentrale Lebensaufgabe geworden. Wir setzen uns zwar nicht mehr mit dem Tod, aber ständig mit deadlines auseinander und indem wir jede im Stile eines Hürdenläufers überwinden, beweisen wir uns und anderen, dass wir das Rennen noch nicht verloren haben. Deshalb leben wir nie im Augenblick, sondern wir gestalten und verwalten bereits den nächsten, den gleich kommenden Augenblick, die deadline. Diese anhaltende Naherwartung und Nahbedienung beherrschen in der instabilen Moderne sowohl die Arbeitswelt als auch die Freizeitwelt, wobei beide Bereiche kaum noch auseinanderzuhalten sind. Im Freundeskreis akquirieren wir Aufträge und in der Arbeitswelt erwerben wir Freunde. Wir surfen am Arbeitsplatz und wir schuften am heimischen Schreibtisch. Wir essen Fast food, wir üben uns im Multi tasking, wir suchen Herzensmenschen bei Speed datings. Wir stehen mitten im „rasenden Stillstand“, haben das Gefühl, vieles zu bewältigen, aber wenig zu leben.

 

Wo bleibt da Zeit für uns und wie verbringen wir das, was früher Freizeit hieß? Jetzt, wo wir doch Google haben und Internet überall, wo wir schnell und flexibel sind wie nie zuvor und deshalb Lebens-, Stil- und Identitätsoptionen im Überfluss besitzen, wo werfen wir Anker, wie können wir Traditionen und Rituale pflegen, und Gemeinschaften stiften, die nicht virtuell sind? Wir verlieren den Tod aus den Augen, weil wir nicht mehr nur einer sind, weil wir nicht mehr nur ein Leben, eine Liebe, einen Job, einen Freund, eine Geschichte und eine Identität haben. Ich bin, selbst gegen meinen Willen, viele. Wir leben nicht mehr nur ein Leben wie unsere Großeltern, sondern viele Leben. Das ist der Imperativ der sozialen Akzeleration: Sei viele, sonst stirbst du bei Lebzeiten! Aber dieses Menschlein-ich-wechsel-mich-Spiel stößt doch immer wieder an Grenzen. Wir können echte Erfahrungen nur da machen, wo sie eine gewisse Tiefe besitzen, wo wir einen Weg alternativlos und unter Risiken beschreiten, wo wir uns auf Dauer und unter Mühen auf einen Menschen, eine Profession oder eine Sinnsuche einlassen.

 

Es scheint mir einfach, von den Themen Endlichkeit, Tod und Beschleunigung zum Fernsehen und seiner Kritik zu kommen, denn als Fernsehkritiker frage ich mich natürlich, ob das Fernsehen nur Teil der Beschleunigungsspirale ist, ob es die Verschärfung des Lebenstempos vielleicht sogar vorantreibt oder ob es - ganz im Gegenteil - ein Medium des Innehaltens und der Entschleunigung sein könnte? Könnte das so vielfach verrufene Fernsehen und seine ebenso oft geschmähten Kritiker nicht sogar so etwas wie "lifelines" knüpfen, denkend und schreibend, lifelines, also Rettungsleine oder auch Lebenslinie, die uns davor bewahren, uns einfach nur einem unersättlichen Bild- und Datenstrudel zu überantworten? Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch sagen, was ich unter Fernsehkritik verstehe, ehe dieses Wort hier gehäuft und unbefestigt auftritt: Unter Fernsehkritik verstehe ich eine analytisch-interpretative Auseinandersetzung mit den Formen und Inhalten des Fernsehens. Eine Fernsehkritik auf der Höhe ihrer Zeit reflektiert, wie etwa strukturelle, politische und technologische Veränderungen der Medien auf die Erzählungen und Formen des Fernsehens einwirken. Dagegen untersucht der Medienkritiker in viel stärkerem Maße Apparate, Technologien, politische Korrespondenzen, strategische Allianzen, wirtschaftliche Kontexte, konvergierende oder rivalisierende Medien.

 

Und jetzt eine kleine Zeitreise: Erinnern Sie sich noch an die Programmansagerinnen, jene wohlfrisierten Damen, die uns in in wohlgesetzten Worten „viel Vergnügen“ wünschten und uns einen kurzen Ausblick oder Einblick in das Kommende boten? Haben sie noch die Testbilder vor Augen, jene schrecklichen Statthalter der Leere, Lücke und Panne, die von einem nervenaufreibenden Hochfrequenzton begleitet wurden? Wissen Sie noch, wer Robert Lemke war, übrigens eine frühe Suchmaschine, der über Jahrzehnte auf immer die gleiche Weise „Wer bin ich?“ fragen ließ? Können Sie sich noch an den schleppenden Rhythmus eines beliebigen „Tatorts“ aus den siebziger Jahren erinnern, in denen die Kommissare Haferkamp oder Fink hießen und mit bleierner, aber umso wirksamerer Bedachtsamkeit ermittelten? Kennen Sie noch jenen Journalisten - ihn einen Talkmaster zu nennen, wäre eine Beleidigung - , den man nie im Bild sah und der seine Gäste unter dem Titel „Zur Person“ befragte? Wie heißen solche Gesprächssendungen eigentlich heute? Manchmal kann schon ein Rückblick, Tempo rausnehmen.

 

Heute, so scheint mir, hat sich das Fernsehen den Erfordernissen der Beschleunigung und der Flexibilisierung angepasst. Das aber führt zu einer Auszehrung der Inhalte und Themen und Dramaturgien. Wenn aber das der Fall ist, wenn wir das Gefühl haben, dass uns das Fernsehen zwar noch passabel unterhalten kann, aber nicht mehr aufwühlen, berühren, provozieren und zum Innehalten anregen kann, dann verlieren wir uns selbst im Strudel des Amüsements, weil wir nichts mehr finden, an dem wir uns reiben, vom dem wir uns abgrenzen oder dem wir zustimmen können. Erst durch eine solche vertiefte Anstrengung, eine kraftkostende Auseinandersetzung kann uns das Fernsehen im besten Sinne bilden und dass es dieses Vermögen noch besitzt, davon bin ich immer mal wieder überzeugt.

 

Es ist schon wieder lange her, dass Neil Postman düster orakelte „Wir amüsieren uns zu Tode“. Immerhin: Wir leben noch! Ich würde mich Postmans Fernseh-Skeptizismus, der mir nur in Teilen berechtigt zu sein scheint, nicht vollständig anschließen. Ist es nicht vielmehr so, dass wir den Tod amüsieren? Das kann zweierlei heißen: Wenn der Tod uns wirklich umschleicht - und ich stelle ihn mir nicht als Sensen- , sondern inzwischen eher als Laptop-Mann vor - amüsiert er sich wahrscheinlich über unseren Hochmut, der glaubt, wir hätten ihn ein für allemal vertrieben, nur weil wir mittlerweile viele Leben in eines packen. Wir amüsieren den Tod kann aber auch heißen, dass wir den Tod zu einer Spektakel-Gottheit machen, dass wir unser Amüsement auf Kosten des Todes suchen, dass wir den Tod zu einem Comedian im Dauereinsatz machen. Der globale Erfolg des „CSI“-Formats - ob aus Miami, Vegas oder New York - bringt das auf den Punkt. Hier wird jeder erdenkbare Tod gestorben und die Kriminalisten bringen jeden Leichnam zum sprechen oder - um es anders zu sagen - sie schenken jedem Toten das Leben in der Rückblende zurück. Damit schwingen sich die Gerichtsmediziner in unserer säkularisierten Welt, die statt des ewigen Heils nur noch das Körperheil zu suchen scheint, zu den wahren Göttern und Demiurgen auf. Sie nehmen es aber nicht nur mit dem Tod auf, sondern auch mit der Zeit, denn im Umgang mit Datenbanken sind sie wahre Hexenmeister, die - eben wie Götter - alles Wissen dieser Erde in Sekundenbruchteilen zusammenfügen.

 

Der weltweite Siegeszug der CSI-Formate hat sicherlich damit zu tun, dass hier mindestens drei tiefe Sehnsüchte auf einem hohen Niveau artikuliert und bedient werden: 1.) Die Gerichtsmediziner bannen die Angst vor dem Tod, indem sie ihn suchen. Sie versprechen den Himmel auf Erden, denn kein Toter ist, wie es so schön in einem Serientitel heißt, jemals vergessen. 2.) Die Hochgeschwindigkeitsermittler sind keine Opfer, sondern Profiteure der beschleunigten Welt und 3.) die Körper der Toten dürfen endlich zu jemandem sprechen, nachdem ihnen ein Leben lang niemand zugehört hat.

 

Für das deutsche Fernsehen würde ich mir wünschen, dass es diese basalen Themata und Topoi aufgreift.

 

1). Erzählt Geschichten, gerne auch rasant, deren Dramaturgie sich nicht immer sofort nach den Imperativen der Beschleunigung richten. Mutet uns etwas zu, tretet mit dem Anspruch an, die Zeit still stehen zu lassen. Tretet mal auf der Stelle. Oder aber seid wirklich schnell und betrachtet den „Kriminaldauerdienst“ im ZDF nicht als Zumutung und äußerstes Wagnis.

 

2.) Zeigt dem Publikum Körper, seid nicht so körperprüde. Ich möchte mal in einem guten Fernsehfilm einen gelungenen Akt sehen, erzählt auch von Gebrechen, vom Alter, von Versehrungen ebenso wie von der Schönheit des Körpers, beschäftigt Euch mit den inneren und äußeren Deformationen des Körpers, mit dem Schmerz. Viele Schauspieler scheinen nur ein Gesicht zum Spielen zu haben, aber vielleicht hätten sie auch etwas mit den Hüften, den Beinen, dem Rücken, ihrer Haut oder ihren Knien zu erzählen. Statt Menschen sehen wir viel zu oft brave Landschaften, pilcherisierte Täler und degetoisierte Wälder.

 

Und 3.) Scheut nicht vor Geschichten zurück, die uns das Sterben und den Tod nahebringen, denn den Tod denken heißt per se, realistisch zu denken und zu erzählen. Die vielen Toten, die wir in all den Krimis sehen, haben mit Realismus nichts zu tun, denn sie sind nicht wir, wir sitzen auf dem Sofa, ermitteln und sehen den Tod vor lauter Leichen nicht.

 

Aus diesen drei Wünschen an das Fernsehen lassen sich auch einige Gedanken für seine Kritiker destillieren. Die Fernsehkritik hat sich in den letzten Jahren fast selbst abgeschafft. Das hat viele Ursachen: Viele Redakteure hatten Angst, den Anschluss an die digitale Revolution zu verlieren. Wer sich auf seinen Medienseiten nicht von der sozialen Akzeleration abhängen lassen wollte, fuhr die ohnehin schmal geführte Auseinandersetzung mit Filmen zurück und analysierte stattdessen virtuelle Welten. Statt der klassischen Nachkritik findet sich vermehrt die Vorab-Dienstleistungskritik, die den Film appetitlich beschreibt, ihn aber nicht mehr analysiert. Die Kritik selbst stilisiert sich zum Event, um im scharfen Kampf der Tageszeitungen um die Aufmerksamkeit des Lesers überhaupt noch bestehen zu können. Doch mit diesem Event-Journalismus schärft man nur kurzfristig das Image, verliert aber langfristig das Profil, weil der Leser keinen Anlass sieht, sich über den Augenblick hinaus mit der Fernsehkritik auseinanderzusetzen. Diese Fixierung auf den Tageserfolg findet man auch in jedem Sender. Ruft man auf einer x-beliebigen Pressestelle eines Fernsehsenders an, sofern man da überhaupt noch anrufen kann, und fragt einen Tag nach der Ausstrahlung eines Films nach einer Presse-DVD, hört man entsetzte Sätze wie: „Um Himmels willen, was wollen sie denn noch damit?“ Die Vorstellung, dass das Fernsehen nur noch Tagesware oder Stundenware bietet, dass das Fernsehen seinen Zweck nur im Augenblick des Sehens erfüllt, ist sowohl bei den Machern als auch bei den Kritikern verbreitet. Da würde ich mir von der Fernsehkritik mehr Nachbetrachtung, Nachforschung, Nachlese und Nacherkundung wünschen. Doch die Fernsehkritik ist leider oftmals genauso starzentriert wie das Fernsehen, das von der Kritik gerade wegen dieser Fixierung gescholten wird. Diese Blickverengung auf prominente Gesichter, Fälle oder Events lässt sich auch gut an den TV-Nachtkritiken beobachten, wie man sie in den Online-Portalen lesen kann. Da wird meistens das beachtet und zusammenfassend nacherzählt, was ohnehin die meiste Beachtung bekommt und deshalb - so das Kalkül - auch am meistens von den Lesern angeklickt wird. Unauffälligere Sendungen, Reportagen, anspruchsvolle Dokumentarfilme oder ambitionierte Fernsehspiele kommen da fast kaum noch vor. Die Fernsehkritik würde sich auch selbst die Substanz rauben, wenn sie sich über Nacht auf Filme und Sendungen einließe, die in jahrelanger Vorarbeit entwickelt wurden. Man kann - über Nacht - schnell und gut auf ein Live-Ereignis reagieren, aber man kann keineswegs einen komplexen Film gesichert und gerecht einordnen.

 

 

Die Fernsehkritik braucht jedoch wieder Platz und Zeit zum Atmen, denn im Augenblick kommt sie mir genauso kurzatmig vor, wie große Teile des Fernsehens. Sie folgt den Events und macht sich nicht selten selbst zum Event.

 

Ich bin, auch wenn sie das jetzt annehmen sollten, auf keinen Fall ein Entschleunigungsapostel, es gibt kein Comeback der Gemütlichkeit, man dreht die Räder nicht zurück, aber es gibt verschiedene Geschwindigkeiten, die man miteinander ins Spiel bringen kann. Der Dialog zwischen Print und Online hat gerade erst begonnen. Die Fernsehkritik sollte nicht einfach bleiben wollen, wie sie war, aber sie sollte keineswegs alles aufgeben, was erreicht wurde, nur weil das Diktat der Tempoverschärfung über all Einzug hält. Gerade die Fernsehkritik als sich weitende und strukturell denkende Medienkritik könnte die Chancen und Risiken des medialen Strukturwandels reflektieren und auf den Punkt bringen. Denn dieser Wandel ist nicht nur Maschinenwandel, sondern auch ein Wandel der Geschichten, der Erzählperspektive und des menschlichen Standortes.

 

Ob ich ihnen jetzt Zeit gestohlen oder gestiftet habe, entscheiden sie bitte selbst. Dass Sie mir ihre Zeit geschenkt haben, war mir nur zu bewusst und dafür möchte ich ihnen herzlich danken. Und falls ich einmal vor ihnen sterben sollte, würde es mich freuen, wenn sie sich auf meiner Beerdigung wieder sehen und sich darüber lächelnd freuen, dass ich das noch erleben durfte: So einen schönen Preis zu bekommen und ihnen in den Ohren liegen zu dürfen.

 

Danke!

Der Preisträger

Torsten Körner, Preisträger des Bert-Donnepp-Preises 2009 (Foto: Privat)
Torsten Körner, Preisträger des Bert-Donnepp-Preises 2009 (Foto: Privat)

 

 

Bert-Donnepp-Preis 2009

Direktor Uwe Kamann
Freuten sich mit Torsten Körner: Grimme-Preis-Moderatorin Désirée Nosbusch und Mehmet Kurtulus
Großer Andrang: Knapp 180 Experten der Branche trafen sich im Institut
Laudator Matthias Brandt: „Torsten kann schreiben, und zwar richtig gut!“
Grimme-Preis-Referent Ulrich Spies (r.) überreicht die Urkunde an den frisch gekürten Preisträger
Zwei Welten treffen sich: Kritiker Torsten Körner (l.) und Schauspieler Matthias Brandt
Bert-Donnepp-Preisträger 2010: Torsten Körner

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Im Vorjahr nahm Steffen Grimberg (taz) den Bert-Donnepp-Preis entgegen. Alle Informationen zum Preisträger des Jahres 2008 erfahren Sie hier.