Vom Auswanderer- zum Zuwandererland: Wie Italiens Medien mit Migranten umgehen

von Birgit Schönau

Italien war mehr als hundert Jahre lang ein Auswanderungsland. Die USA, Südamerika, später Deutschland, die Schweiz, die Beneluxstaaten und Frankreich, das waren die Ziele von Millionen von Menschen, die ihre Heimat verließen, weil sie zu Hause keine Arbeit und keine Lebensperspektive fanden. 1955 entstand das erste Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien. Die ersten Gastarbeiter in Deutschland waren Italiener. Heute noch leben hier rund 600.000 Italiener. Sie stellen eine der größten ethnischen Gruppen, übrigens mit verschwindend wenigen Einbürgerungsanträgen. Im letzten Sommer kamen die Italiener durch die sechs Morde der kalabrischen ‘Ndrangheta in Duisburg vorübergehend in die Schlagzeilen. Aber eigentlich reden wir schon lange nicht mehr über Italiener, wenn es um Migranten in Deutschland geht – schon gar nicht im Zusammenhang mit der inneren Sicherheit.

EINWANDERUNGSLAND ITALIEN

Andererseits hat sich Italien in den letzten zwei Jahrzehnten zum Einwanderungsland gewandelt, und zwar in einem rasanten Tempo. In den vergangenen fünf Jahren war der Zustrom dramatisch, vergleichbar nur mit Spanien, ebenfalls einem früheren Auswandererland. 2006 stieg die Zahl der Zuwanderer um fast 20 Prozent auf knapp 3,7 Millionen. Damit sind 6,2 Prozent der Bevölkerung in Italien Migranten. Nicht viel, verglichen mit klassischen Einwanderungsländern oder auch mit Deutschland. Und dennoch ergeben Umfragen, dass fast die Hälfte der Italiener Einwanderer für eine Gefahr für die öffentliche Ordnung halten. Anders gesagt: Sie fürchten sich vor den Migranten. Vor vier Jahren lag der Anteil dieser Verschreckten noch bei 33 Prozent.

Woher kommt diese Angst? Und von wem wird sie geschürt? Die Medien, so scheint es, haben entscheidenden Anteil daran. Sie zeigen bis auf wenige Ausnahmen zu wenig Normalität, sie betonen stattdessen Konflikte zwischen Italienern und Migranten. Italienische Medien transportieren in stärkerem Maße Emotionen, als wir das etwa vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder von der Qualitätspresse in Deutschland gewöhnt sind. Man könnte diese Emotionalität der Medien eine Begleiterscheinung des Berlusconismus nennen. Für den Umgang mit Migranten haben mangelnde Distanz und Objektivität natürlich Folgen. Besonders das Fernsehen zeigt Migranten überwiegend in den Extremrollen von Opfern und Tätern.

MIGRANTEN ALS OPFER

Opfer, das sind vor allem die Bootsflüchtlinge, mit deren Bilder von Frühling bis Herbst viele  Nachrichtensendungen eröffnet werden. Fast immer gibt es bei solchen Überfahrten, die sich zumeist zwischen Libyen und Sizilien abspielen, Tote. Es sind eindringliche, schreckliche, spektakuläre Bilder von weinenden Frauen, apathischen, ausgehungerten Männern, manchmal sieht man die Bergung der Ertrunkenen, immer sind italienische Carabinieri in der Rolle von Rettern  zu sehen. Diese Bilder werden auch im Ausland gezeigt, sie prägen die Vorstellung der Migration nach Italien als eines Ansturms der Verzweifelten gegen die Festung Europa, mitleiderregend und bedrohlich zugleich. Aber das ist natürlich nicht die Normalität. Den 12.000 Bootsflüchtlingen im vergangenen Jahr standen 540.000 Migranten gegenüber, die auf Anfragen ihrer Arbeitgeber eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bekamen, die Hälfte davon für die familiäre Kinder- und Altenpflege, gefolgt von 18 Prozent Bauarbeitern.

Vor allem die private Altenpflege in dem Land, das nach Japan die älteste Bevölkerung der Welt hat, würde ohne ausländische Arbeitskräfte vermutlich vollkommen zusammenbrechen. Für 2008 hat die Regierung bereits 170.000 neue Genehmigungen in Aussicht gestellt, sie sollen aber erst der Anfang sein. Italien braucht ausländische Arbeitskräfte. Ein großer Anteil der Nicht-EU-Ausländer kommt mit einem Touristenvisum ins Land und bleibt, sucht sich zunächst einen Job in Schwarzarbeit, bis irgendwann die Genehmigung kommt. Das ist also eine Grauzonenrealität, an der selbstredend viele italienische Arbeitgeber mitwirken, die billige, ausländische Schwarzarbeiter anheuern und, wenn überhaupt, erst nach Monaten oder sogar Jahren legalisieren.

Italien schiebt im Übrigen die wenigsten, illegal ins Land gekommenen Bootsflüchtlinge ab. Der Staat hat im außerdem ein in Europa einzigartiges Pilotprojekt ins Leben gerufen – die Fürsorge für die Opfer von Menschenschmugglern. 45.000 Migranten, vor allem Frauen, nehmen diese Fürsorge in Anspruch, 14.000 bekamen einen Ausbildungsplatz. Auch diese Realität wird von den Medien vernachlässigt. Man muss allerdings sagen, dass vor zwei Jahren, also unter der Berlusconi-Regierung, eine Reportage des Wochenmagazins “L’Espresso” über die menschenunwürdigen Zustände in einem Notaufnahmelager für Bootsflüchtlinge ein starkes politisches Echo ausgelöst hat und entscheidend dazu beitrug, die Bedingungen zu verbessern. Mit den Notaufnahmelagern beschäftigten sich auch mehrere Berichte im dritten RAI-Programm RAItre. Ein wichtiges Beispiel für angemessene, kritische Berichterstattung zum Thema Migration, nur leider ziemlich isoliert. Insgesamt haben nämlich die Berichte über den angeblichen Ansturm der Illegalen dazu geführt, dass laut einer Untersuchung des Innenministeriums eine Mehrheit der Italiener glaubt, dass es in ihrem Land mehr Illegale als legal eingewanderte Auslänger gäbe. Eine Mehrheit der Italiener vermutet also neben den 3,7 Millionen legalen Migranten noch einmal 4,5 Millionen Illegale. Kein Wunder, dass die katholische Caritas beklagt, die Medien übten ingesamt keinen positiven Einfluss beim Umgang der Bevölkerung mit Migranten aus. Die Berichterstattung - vor allem im Fernsehen - sei sensationsorientiert, es sei fraglich, ob sie die realen Probleme der Immigration erfasse.

KAUM MIGRANTEN ALS JOURNALISTEN IN DEN MEDIEN

Laut einer Untersuchung im Auftrag des Innenministeriums stützen 85 Prozent der Italiener ihre Meinung über Migranten auf die Informationen aus den Fernsehnachrichten. Also aus Sendungen, in denen zunächst mal fast keine Migranten arbeiten. Außer der politischen Journalistin Rula Jebreal aus Palästina gibt es beim Staatsfernsehen RAI nur einen einzigen Nachrichtenmoderator mit Migrationshintergrund. Es handelt sich um einen Kollegen aus dem Kongo, der seit zwölf Jahren im römischen Regionalprogramm arbeitet und allerdings so populär wurde, dass er auch schon Auftritte als Fußballkommentator hatte.

Obwohl Italien bereits 1996 eine schwarze Miss Italia hatte, die aus Südamerika stammte, spielen Migranten auch in Shows oder Fiction kaum eine Rolle. (Und was die Miss-Wahlen angeht, die Jahr für Jahr fünf Abende lang das RAI-Uno-Programm blockieren: Es wird immer noch eine Miss Italia nel Mondo gewählt, also eine Vertreterin der italienischen Emigranten in der Welt. Soviel nochmal zum Selbstverständnis als Auswanderernation).

Bei den Printmedien sticht als einziger prominenter Journalist Magdi Allam hervor. Der stellvertretende Chefredakteur der großen Tageszeitung “Corriere della Sera” stammt aus Ägypten. Magdi Allam wurde vom Innenministerium unter Personenschutz gestellt, nachdem er Morddrohungen von islamischen Extremisten erhalten hatte. Der islamische Extremismus ist jedoch für die Medien in Italien kaum ein Thema, vielleicht weil die islamische Migration eine kleinere Rolle spielt als die Einwanderung aus Osteuropa, besonders seit der EU-Osterweiterung. Ingesamt gibt es eine Million Muslime, also weit weniger als ein Drittel der Migranten. Selbst nach dem Attentat von Madrid wird islamischer Extremismus offenbar eher als ein Problem der klassischen Einwanderungsländer empfunden. Dies, obwohl einer der Beteiligten der Anschläge in London im Sommer 2005 in Rom festgenommen wurde, wo er sich bei seinem Bruder versteckt hielt. Was den ägyptischen Journalisten Magdi Allam angeht, teilt er sein Los mit einem Dutzend Kollegen, die sich auch nur mit Leibwache bewegen können. Allerdings nicht, weil  sie von Islamisten bedroht würden – diesen Journalisten droht die italienische Mafia.

MIGRANTEN ALS TÄTER

Wenn viele Italiener Migranten für eine Gefahr der öffentlichen Ordnung halten, hat die Überbetonung der Täterrolle durch die Medien daran sicherlich keinen unbedeutenden Anteil. Es geht dabei, wie gesagt, weniger um den Terrorismusverdacht als um Migranten als Protagonisten in der Cronaca Nera, der so genannten schwarzen Chronik um Familientragödien und spektakuläre Kriminalfälle. Der Cronaca Nera wird in den ganz normalen Fernsehnachrichten und auch in der seriösen Tagespresse großer Platz gewidmet. Das können bis zu zehn Minuten in der halbstündigen Hauptnachrichtensendung von RAIuno sein und fünf, sechs Seiten in den führenden Tageszeitungen “La Repubblica” und “Corriere della Sera.” Die Ermittlungen werden dabei tagelang, oftmals sogar wochenlang minutiös verfolgt. Es handelt sich um Alltagsdramen, wie sie auch in anderen Ländern vorkommen, in Italien jedoch werden sie nicht selten zu einer Art makabrem Volksspektakel stilisiert. Das Besorgniserregende dabei ist, dass der erste Tatverdacht viel zu oft auf Migranten fällt – und dass dieser Verdacht von den Medien weitergetragen wird.

So war es etwa bei zwei spektakulären Mordfällen, die sich in diesem Jahr ereigneten und die Medien lange beschäftigten. Beim ersten Fall wurden im norditalienischen Erba drei Frauen und ein Kleinkind ermordet. Der Verdacht fiel umgehend auf den Vater des Kindes, einen Tunesier. Tagelang wurden im Fernsehen Bekannte der Familie gezeigt, die den Ausländer wortreich beschuldigten. Es vergingen Wochen, bis die wahren Täter gefunden wurden: die beiden italienischen Nachbarn der Opfer. Beim zweiten Fall wurde eine hochschwangere Frau in Umbrien in ihrer Wohnung ermordet. Auch in diesem Fall verbreiteten das Fernsehen tagelang den Verdacht, bei den Tätern handele es sich um Einbrecher aus Osteuropa. Dann wurde der Ehemann des Opfers als Täter verhaftet.

Ich habe Ihnen zwei Beispiele von vielen genannt. Geradezu reflexhaft werden bei ungelösten Kriminalfällen Ausländer als Täter verdächtigt. Und es werden Ängste geschürt. So brachte der “Corriere della Sera” vor ein paar Wochen eine Reportage über Traumvillen in Norditalien, die ihren Besitzern nun angeblich nur Alpträume verschaffen – aus Angst vor einem Überfall von Albanern oder Rumänen. Überschrift: “Aus dem Traum wird ein Alptraum.” Es gibt nun tatsächlich osteuropäische Banden, die in Norditalien operieren, übrigens nicht selten im Verbund mit der italienischen Mafia. Diese Zusammenhänge behandelt etwa der Antimafiabericht der Regierung. Die kriminellen Geschäfte drehen sich neben Einbrüchen um Drogenhandel und Prostitution. Tatsächlich arbeiten nach Erkenntnissen der Polizei auch in Süditalien ausländische Kriminelle quasi als Handlanger der Mafia. Die Zusammenhänge sind kompliziert und nicht mit Sensationsmeldungen zu erklären. Generell trägt die Berichterstattung dazu bei, dass die Bevölkerung das ohnehin bestehende, massive Legalitätsproblem in manchen Landesteilen in einem Maße durch die Migration für verschärft zu halten, das nicht der Realität entspricht.

DAS PROBLEM DER RUMÄNEN

Besonders die Rumänen, die mit 550.000 Registrierten den größten Anteil der Immigranten stellen, werden von den Medien überwiegend in der Täterrolle präsentiert. Sie verüben allerdings die meisten Straftaten: Ein Sechstel aller von Ausländern verübten Delikte. Aber das entspricht ziemlich genau ihrem Anteil an allen Einwanderern.

Als im Oktober in Rom ein bekannter Fernsehjournalist vor seiner Wohnung überfallen wurde, schrieb dazu die liberale Zeitung “Il Messaggero”, bei den Tätern habe es sich um Ausländer gehandelt, wahrscheinlich um Rumänen. Warum wahrscheinlich - das wurde nicht näher erläutert. Kurz darauf wurde einer der Täter festgenommen. Es handelte sich um einen 20-jährigen Neapolitaner. Die Nachricht verschwand jedoch in der allgemeinen Aufregung um ein neues, diesmal wirklich von einem Rumänen begangenes Verbrechen. Eine Italienerin war auf ihrem Heimweg von einem Bahnhof am Stadtrand von Rom von einem rumänischen Roma überfallen worden. Die Frau starb Tage später an ihren Verletzungen.

Die furchtbare Tat hatte weitreichende politische Konsequenzen. Sie löste eine bilaterale Krise zwischen Italien und Rumänien aus, weil die italienische Regierung am Tag nach dem Überfall auf die Italienerin eine Notverordnung zur rascheren Abschiebung von EU-Ausländern erließ. Die Regierung in Bukarest warnte im Gegenzug vor wachsender Fremdenfeindlichkeit in Italien. Da war es in Rom schon zu Übergriffen auf Rumänen gekommen. Vier Männer wurden von einem Schlägertrupp verletzt, ein rumänisches Geschäft wurde ausgebrannt.

Das Europäische Parlament rügte den EU-Vizepräsidenten Franco Frattini, der behauptet  hatte, Rumänen ohne feste Arbeit könnten nach EU-Recht problemlos ausgewiesen werden. In Straßburg ahnte niemand, dass die römische Stadtverwaltung eine bereits geplante Woche der ethnischen Kost in den Schulmensen ersatzlos gestrichen hatte. Man hielt es nicht für opportun, römische Kinder nur wenige Tage nach dem Mord eines Ausländers an einer Italienerin mit Multikulti-Essen zu konfrontieren. Natürlich besteht da überhaupt kein Zusammenhang – er wurde aber von einigen Medien hergestellt.

Der Mord an der Italienerin führte zur Verschärfung eines ohnehin angespannten Klimas im einstigen Auswandererland Italien, das seine neue Identität als Einwandererland noch nicht akzeptiert hat und sie als ausgesprochen problematisch und beängstigend empfindet. An dieser Verschärfung der Spannung, an dieser Vertiefung der Ängste haben die Medien entscheidenden Anteil, wenn auch die Verantwortung der Politik nicht unterbewertet werden darf.

Einige Schlagzeilen der römischen Tageszeitung “Il Tempo” aus den vergangenen Wochen: “Alarmbereitschaft wegen Rumänenwelle.” – “Verbrechen: Rumänen an erster Stelle.” – “Rumänenalarm” – “Rumänen überfallen Bar” – “Versuchte Vergewaltigung am Strand – von einem Rumänen angegriffen.” – “Paar von Rumänen überfallen.” – “Noch mehr Diebstähle von Rumänen.” – So geht das quasi Tag für Tag. Ich könnte weiterzitieren, aber das soll erst einmal reichen. “Il Tempo” ist eine große, parteiunabhängige, konservative Zeitung.

Und so ähnlich lauteten auch die Titel der Nachrichtensendungen auf Italia Uno und Rete Quattro des Berlusconi-Fernsehens. Man konnte das Gefühl haben, Italien sei geradezu belagert und bedroht von einem Volk, das einst zum römischen Weltreich gehörte. Und das eine dem Italienischen nah verwandte Sprache spricht, ein Nachbarvolk.

BÜHNE FüR POPULISTEN

Italiens Medien halten weniger Distanz zur Politik, als das in anderen Ländern üblich ist. Das Staatsfernsehen RAI wird faktisch von der Regierung kontrolliert, einen Kanal überlässt man der Opposition. Dass Berlusconis Fernsehkanäle keine Unabhängigkeit garantieren, ist durch unzählige Studien nachgewiesen. Die RAI lässt nach dem alten Parteienproporz Politiker aller Parteien zu Wort kommen. Dadurch bekommen auch offen rassistische Politiker wie Roberto Calderoli von der Lega Nord ihre Bühne. Calderoli ist immerhin Vizepräsident des italienischen Senats, in anderen europäischen Ländern hätte man seine Karriere wohl schon vor ein paar Jahren gestoppt. Da zeigte der Lega-Mann in einer Fernsehshow ein T-Shirt mit einer Mohammed-Karikatur. Dieser Affront löste Unruhen in Libyen mit elf Toten aus.  Calderolis neueste Idee ist, in Begleitung eines angeleinten Schweins die Baugrundstücke für Moscheen abzuwandern  – in der unverhohlenen Absicht, Muslime zu verhöhnen. Und das Fernsehen ist dabei.

Durch die Banalisierung von Rassismus zu quotenträchtiger Folklore werden Lokalpolitiker zu Medienstars wie der frühere Bürgermeister von Treviso, der die Parkbänke vor dem Bahnhof abmontieren ließ, damit sich darauf, Zitat, “keine Ausländer mehr lümmeln” konnten, und der anregte, Afrikaner in Hasenkostüme zu stecken, damit, Zitat, “unsere Jäger an ihnen üben können.” Der Mann wird gewählt und er wird gezeigt. Diese Politiker sind extreme Beispiele für die Spektakularisierung von Politik, wie sie in Italien und gerade im italienischen Fernsehen schon lange betrieben wird.

IM WEB GEGEN MIGRANTEN
 
Noch unkontrollierter wird die Lage naturgemäß im Internet. Stellvertretend dafür möchte ich den Blog von Beppe Grillo zitieren, der wichtigste Italiens. Grillo ist von Beruf Kabarettist, er macht aber richtig Politik. Im September haben Hunderttausende von Bürgern seinen Aufruf unterschrieben, vorbestrafte Politiker nicht ins Parlament zu lassen. Grillo veranstaltete auch mit einigen zehntausend Anhängern ein Antipolitik-Happening in Bologna. Er ist ein Web-Populist, eine neue Spezies aus dem Laboratorium Italien. Und in seinem Blog schreibt er Dinge wie: “Früher waren die Grenzen des Vaterlandes heilig. Unsere Politiker haben sie jetzt entweiht. Jeden Tag schreiben mir Hunderte über die Roma. Die Roma sind eine Zeitbombe, die man entschärfen muss. Was heißt Europa? Ungesteuerte, arbeitslose Migranten?” Auf diesen Eintrag von Grillo gab es allerdings eine Menge Proteste.

METROPOLI

Zusammenfassend muss ich sagen, dass in Italiens Medien immer noch ein Umgang mit der Migrationsthematik vorherrscht, der in der Bevölkerung Ängste schüren kann, anstatt sie abzubauen. Doch gibt es vor allem im dritten RAI-Programm RAItre, in den Radioprogrammen und in der seriösen Presse durchaus andere Initiativen. “La Repubblica” etwa widmet sich in ihrer Sonntagsbeilage “Metropoli” dem Alltag und den Alltagsproblemen von Migranten. Es wird aus den Ursprungsländern berichtet. Auch die Realität von Migranten, die zu Unternehmern geworden sind, wird in den Printmedien thematisiert. Diese Berichterstattung zeigt eine entspanntere Realität zwischen Italienern und Migranten, wie sie ja auch dem Alltag entspricht.

Darüber hinaus existiert ein spezifischer Medienmarkt für Ausländer, mehr als 20 Zeitungen für ein ausländisches Publikum mit einer Gesamtauflage von über 250.000 Stück. 46 lokale Radiosender bieten Programmbeiträge für Ausländer an. Die Sendungen werden in 17 Sprachen übertragen, hinzu kommen 26 Fernsehsender mit Beiträgen in ebenfalls 17 Sprachen. In der multikulturellen Medienlandschaft Italiens tut sich also was, auch wenn Auflagen und Reichweiten begrenzt sind. Erwähnenswert wäre noch, dass einige Schriftsteller mit Migrationshintergrund ausgesprochen erfolgreich sind. Ihre Bücher haben ein großes Publikum, weil sie Italien so zeigen, wie es in den letzten 20 Jahren geworden ist – eine sicher widersprüchliche, bunte Heimat für Menschen aus vielen Ländern.