Spezial: Die Anstalt (18.11.2014)

Preisträger

Dietrich Krauß, Max Uthoff und Claus von Wagner für den kalkulierten Bruch mit den Konventionen des Kabaretts in der Sendung „Die Anstalt“ vom 18.11.2014 mit ihrer klaren Haltung zur Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen durch einen emotionalen Moment. (ZDF)

Begründung

Seit dem 4. Februar 2014  ist etwas anders in der Anstalt ZDF. „Die Anstalt“ hat geschafft, was anderen Sendungen nach dem Abgang berühmter Protagonisten verwehrt blieb: Sie hat ein kleines Erdbeben ausgelöst und sich auf einem künstlerischen Niveau etabliert, das weit über dem ohnehin schon recht respektablem der Vorgängersendung „Neues aus der Anstalt“ liegt. Max Uthoff und Claus von Wagner haben mit Hilfe ihres Ko-Autors Dietrich Krauß zu einer Form gefunden, die dem politischen Kabarett in Deutschland gut zu Gesicht steht.
Sie haben aus der Gewohnheit, Kabarettsendungen als Werbeflächen für Bühnenprogramme zu missbrauchen, die Tugend einer packenden Ensembleaufführung gemacht. Sie schreiben für jede Sendung fast ein komplettes Theaterstück. Andere würden das als Grundlage für drei Jahre Tournee nutzen, nicht so die drei von „Die Anstalt“. Die führen das auf und gehen dann über zur nächsten Sendung. Auch eine Form von Haltung.
Die riesigen Fußstapfen der Vorgänger haben die drei nur kurz durchquert und in Windeseile ihren eigen Claim abgesteckt. Sie haben damit nicht nur die Achtung des Publikums errungen, sie haben sich auch die höchste Auszeichnung für Kabarettsendungen erworben: Verflucht von kenntlich gemachten Politikern und verklagt von beleidigten Journalisten.
„Die Anstalt“ hat den zugehörigen Prozess übrigens gewonnen und nicht nur das. Sie hat sich damit die Freiheit erkämpft, auch in Zukunft mit Fakten zu jonglieren, hier und da auch mal ein bisschen derb zuzuspitzen, vor allem aber, die richtigen zu treffen. Dass es dem Team um etwas geht, spürt jeder, der schauen und hören kann. Hier sind welche am Werk, die sich nicht zufriedengeben mit dem aus dem Mainstream sprudelnden Meinungsgemisch. Sie möchten sich die entscheidenden Details herausfischen und diese dann ihrem Publikum präsentieren.
Die Freiheit, die die drei sich nehmen, zeigte sich exemplarisch in der Sendung vom 18. November 2014. Da behandelten Uthoff und von Wagner auf der Bühne den Umgang mit Flüchtlingen. Geschickt setzten sie die damals gerade alle Medien durchdringende Jubiläumseuphorie zu 25 Jahre Mauerfall in Beziehung zur Abschottungspolitik der EU. Sie ließen einen DDR-Grenzschützer auf einen Vertreter der EU-Grenzagentur Frontex treffen und feststellen, dass die Zahl der Mauertoten rasch in den Schatten jener Opfer gerät, die ihr Leben derzeit im Mittelmeer lassen.
Doch Uthoff, von Wagner und Krauß beließen es nicht bei der Lehrstunde, sie nahmen sich die Freiheit, mit den Konventionen des Kabaretts zu brechen. Sie verließen die sichere Position des aus der Distanz mäkelnden Spötters. Sie holten betroffene Menschen auf die Bühne und traten selbst aus dem Scheinwerferlicht. Ein Chor von syrischen Flüchtlingen stand plötzlich vorn auf der Bühne, und auf einmal wurde deutlich, dass all das vorher so lustig Präsentierte bierernst gemeint war. Als dann der Chor ein bewegendes Lied anstimmte, hatten nicht wenige Zuschauer Tränen in den Augen. Das war echt. Das war ernst gemeint. Das hat sich bis dahin niemand getraut. Ein großer Moment für das deutsche Fernsehen.