Statement der Jury des Grimme Online Award 2013

 

Die Sprache und die Verbindungen zwischen analoger und digitaler Welt standen in diesem Jahr im Fokus der Angebote, die die Jury des Grimme Online Award ausgezeichnet hat. Die verschiedenen Welten der Medienangebote diffundieren so sehr, dass dem Themenfluss kaum noch Grenzen gesetzt sind. Man bewegt sich selbstverständlich innerhalb der verschiedenen Medienangebote zu Hause oder mobil.

 

Das verbindende Element beider Welten ist und bleibt die Sprache. Ohne sie funktioniert unsere Welt nicht, und entgegen vieler Befürchtungen hat das Internet die Sprache nicht verunstaltet. Der Jury ist aufgefallen, dass es in diesem Jahr einige Nominierte gab, die besonders kreativ und einfallsreich mit der Sprache gearbeitet haben, um bekannte Inhalte aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Preisträger des "11FREUNDE Livetickers" beweisen, dass man Fußballspiele nicht immer mit gravitätischem Ernst kommentieren muss. Mit viel Sprachwitz und Frechheit gelingt es den Preisträgern ein wegweisendes Angebot zu schaffen.

 

Humor ist etwas, das – bei allem gebotenen Ernst, der manchen Themen innewohnt – nicht nur beim Liveticker der "11FREUNDE" eine Rolle spielt. Das ausgezeichnete Angebot der satirischen Webseite "Der Postillon" zeigt auf, dass die Satire auch die Rolle der Aufklärung übernimmt und den Kern des Ereignisses trifft. Viele Artikel sind so verfasst, dass die Absurdität mancher Meldungen erst durch das Stilmittel der Entlarvung erfasst wird. Besonders hervorheben möchte die Jury, dass dieses Angebot in alleiniger Regie erstellt wird.

 

Bei vielen Nominierten stand die kollaborative Arbeit im Vordergrund. Dabei zeigten sich noch durchaus konzeptionelle Möglichkeiten der Weiterentwicklung, insbesondere in der Interaktion und Zusammenarbeit mit und zwischen den Nutzern. Überzeugen konnte die Plattform "Politnetz". Hier können User die Plattform nicht nur aktiv mitgestalten, auch die Distanz zwischen Politikern und Wählern wird verringert. Das dialogische Angebot aus der Schweiz weist zudem deutlich darauf hin, wie eine moderne Bürgerbeteiligung aussehen kann. Das seit Jahren fehlende Angebot der in Deutschland aktiven politischen Parteien, die spätestens nach "Stuttgart 21" die Bürger stärker in Entscheidungen einbinden wollten, unterstreicht die Wichtigkeit einer solchen Seite.

 

Ein weiteres Beispiel ist die Auszeichnung für den Hashtag #aufschrei. Hier vermischen sich gleich mehrere Ebenen der modernen Kommunikation. Das Thema der sexuellen Diskriminierung wird von den Betroffenen aufgenommen und einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt. Gleichzeitig hat es zum wiederholten Male eine "Bottom-up"-Initiative, in der einzelne User eine Welle der Aufmerksamkeit auslösen, in die traditionellen Medien geschafft. Das war schon beim Hashtag "Zensursula" so, #aufschrei gelang dies in noch kürzerer Zeit. Schwierig ist es allerdings, eine einzelne Quelle für derartige Phänomene zu finden. Zwar lassen sie sich auf einen Tweet zurückverfolgen, doch am Ende ist es die Masse der Teilnehmer, die einem Thema in den Diskurs verhilft und Nachdruck verleiht. Damit etablieren sich Dienste wie Twitter als Massenmedium, das einen weltweiten Einfluss auf Gesellschaft und Politik haben kann.

 

Dieser Medienwechsel mag auch einer der Gründe für eine weitere Beobachtung der Nominierungskommission und der Jury sein. Es fiel auf, dass es nur wenige nachrichtenbezogene Angebote mit deutlich innovativen Ansätzen gibt. Zwar haben sich neue Netzformate entwickelt, die sich auf einen kleinen lokalen Umkreis spezialisieren, doch viele dieser Angebote haben ihr endgültiges Format noch nicht gefunden und werden nur schwach wahrgenommen.

 

Aus den Medienhäusern kamen nur wenige interessante Impulse, die sich von der allgemeinen Form der Berichterstattung absetzen. Ein positives Beispiel ist das von der Jury ausgezeichnete Multimedia-Special "Plan B" der Deutschen Welle, das ein neues Licht auf die Krise in fünf europäischen Ländern wirft. Die Jury lobt nicht nur ausdrücklich diese Arbeit einer Volontärsgruppe, sondern hofft auch, dass das Projekt in Zukunft fortgesetzt wird. Es wäre wünschenswert, wenn derartige Dossiers häufiger in den digitalen Angeboten zu finden wären.

 

Unter den Nominierten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten konnte das auf einer filmischen Dokumentation basierende Projekt "Alma" von ARTE die Jury überzeugen. Hier wird nicht nur das Leben einer ehemaligen Gang-Angehörigen in Guatemala gezeigt, sondern mittels Fotos und interaktiver Elemente die Geschichte für den Zuschauer weiter vertieft. Das Elend und die Gewalt, die zum Alltag in vielen Ländern Mittelamerikas gehören, finden nur selten Eingang in die europäische Berichterstattung. Dem ARTE-Team ist es gelungen, eine auch in ihren Bildern oft erschreckende Realität ins Netz zu transportieren.

 

Tatsächlich lassen sich selbst als schwierig geltende Themen mit den Mitteln des Internets und webbasierter Kommunikation sehr gut darstellen. Wer interessiert sich in der hektischen Zeit noch für Themen wie Soziologie oder Philosophie? Der Podcast "Soziopod" beweist, dass man auch dafür begeistern kann. Die Beiträge tauchen tief in die genannten Themen ab, verlieren sich aber nicht in einer schweren akademischen Sprache. Stattdessen reden beide Protagonisten verständlich und teilweise amüsant über Adorno oder Habermas und verknüpfen ihren Gesprächsfaden immer wieder mit aktuellen Geschehnissen.

 

Die Themen Inklusion und Migration spielen weiterhin in der gesellschaftlichen Diskussion eine große Rolle. Dies zeigte sich auch in der Nominierung einiger Webseiten zu diesem Thema. Auch wenn die Angebote die Jury angesichts der vielen anderen Nominierungen nicht zur Vergabe eines Preises überzeugen konnten, ist es wichtig, dass derartige Projekte auch in Zukunft eine breite Öffentlichkeit erreichen werden.

 

Ein ebenfalls wichtiger Bestandteil des Internets ist die Darstellung und Vermittlung von Kultur. Das NRW-Kultursekretariat setzt dabei auf eine völlig neue Idee. Statt Museen einzeln vorzustellen, hat man die Exponate unabhängig von ihrem Ausstellungsort auf einer Webseite zusammengefasst. Spielerisch kann der Betrachter durch die Bilder surfen und sich einzelne Ausstellungsstücke heraussuchen. Die reichhaltigen Erklärungen zu den Kunstwerken bieten einen guten Einstieg in die Welt der Kunst. Die Idee, die bisherigen Darstellungsstrukturen von Museen zu brechen und komplett neu aufzusetzen, ist nicht nur mutig, sondern funktioniert auch in der Praxis.

 

Am Ende bekräftigt die Jury ihre Feststellung, dass die meisten Angebote den überzeugenden Umgang mit Sprache in den Fokus rücken und mit ihr auf hohem Niveau experimentieren. Sprache ist das, was uns eint, was uns bewegt. Entstanden als Einzelleistung oder durch Zusammenarbeit, bezogen auf eine unbegrenzte Themenwelt: Das Web ist ein relevanter, notwendiger Kulturraum, der der Sprache neue Möglichkeiten der Entfaltung und Wirksamkeit eröffnet.

 

Britta Hofmann, Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik; Don Dahlmann, freier Journalist; Nadia Zaboura, CREATIVE.NRW; Joachim Türk, freiberuflicher Medienberater; Achim Schaffrinna, Diplom-Designer; Konrad Scherfer, Fachhochschule Köln; Laura Pross, Pixelpark AG