Besondere Ehrung an Matti Geschonneck

 

Begründung der Besonderen Ehrung an Matti Geschonneck:


Eine Ausnahme, in jeder Hinsicht, ist der Fernsehregisseur Matti Geschonneck: mit seinem außerordentlichen Können, seiner hohen Kennerschaft, seiner enormen Sorgfalt, seiner ungewöhnlichen Sensibilität, seiner staunenswerten Schaffenskraft und, nicht zuletzt, auch mit seiner deutsch-deutschen Biographie. In der Summe seiner Eigenschaften -- sprich: seiner so glücklich verbundenen Qualitäten -- hat er den deutschen Fernsehfilm seit Anfang der 90er Jahre geprägt wie kaum ein zweiter. Das Publikum verdankt ihm eine Reihe von markanten Werken, die alle – immer auf eine ganz eigene Weise, aber immer auch mit klar erkennbarer  Handschrift – den Menschen, den Dingen, den Geschehnissen, den Verhältnissen, den Beziehungen auf den Grund gehen. Damit werden sie zu kostbaren Lehrstücken, zu modellhaften Erkundungen, zu haarfeinen Sonden der Seele, zu feinstjustierten Seismographen der Menschen und der Gesellschaft.

Dass es ihm in der Grundimprägnierung seiner Themen und Sujets um die elementaren Dinge des Lebens geht, das belegt schon eine pure Statistik. Denn in den Titeln seinen bald 50 Filme (!) lässt sich leicht nachzählen, wie dominant dort die Worte Tod, Liebe und Nacht vorkommen, auch in der Nachbarschaft von Mord. „Jenseits der Liebe“, „Liebe nach dem Tod“, „Die Tote vom Deich“, „Duell in der Nacht“, „Liebesjahre“, „Tod einer Polizistin“, „Mord am Meer“ – das sind klassische Beispiele.

Ein Besessener des Dunkels, des Verderbens, des Verschlingenden? Nein, das wäre zu einfach. Richtig ist zwar, dass Matti Geschonnek als knapp Vierzigjähriger seine erste starke Regiephase mit Reihenkrimis begann, mit „Tatorten“ und „Polizeirufen“. Doch ebenso richtig ist, dass seine herausragenden Einzelstücke – von „Der Mörder und sein Kind“ über „Angst hat eine kalte Hand“ bis „Eine Frau verschwindet“ – nie aus reiner Genre-Spekulation viel Abgründiges, Todesnahes einkreisen und ausloten, sondern aus subtilem psychologischen Interesse, auch aus analytischer Neugier. Und ein Film wie „Die Nachrichten“ belegt in glänzender Perfektion, wie genau unter einer scheinbar glatten Oberfläche sich vielfältige Häutungen beobachten und darstellen lassen. Bei einem Thema, in dem Geschonneck sich qua DDR-Herkunft auskennt: einer deutsch-deutschen Medien- und Stasi-Geschichte, verbunden mit Täuschungen, Irrungen, Wirrungen.

Hier lässt sich, ganz exemplarisch, die inszenatorische Raffinesse in Reinform bewundern. Sie gehört, ebenso wie äußerste Präzision, zu den Grundelementen von Geschonnecks imposanten bisherigen Werk, das sich trotz mannigfacher Krimi-Nähe durch große innere und äußere Vielfalt auszeichnet. Allerdings wird der besondere formale Reichtum nie ausgestellt, sondern eingehegt und in den einzelnen Spiel-Zutaten genau abgemessen, um jede aufdringliche Opulenz und aufgeschäumte Schaustücke zu vermeiden. Nicht zuletzt wird – wenn auch rarer – die Kunst ironische Brechungen und komödiantischer Elemente eingesetzt, immer in feiner Ziselierung.

Bei dieser Meisterschaft, die auch klar auf die Autorität des Könners setzt, ist es kein Wunder, dass die erste Schauspielerriege sich mit eben so viel Respekt wie Lust Geschonnecks zugewandter Animation und seiner handwerklichen Sicherheit anvertraut und daraus gesteigerte Spiel-Räume gewinnt: von Iris Berben bis Axel Milberg, von Conny Froboess bis Jan Josef Liefers, von Martina Gedeck bis Ulrich Tukur.

Mit Matti Geschonneck zeichnet der Deutsche Volkshochschul-Verband einen inszenatorisch virtuosen und handwerklich hochversierten Fernsehkünstler aus, der in außergewöhnlich vielfältiger Weise und mit attraktivem Genre-Reichtum die komplexen Beziehungsgeflechte der menschlichen Welten und der gesellschaftlichen Verhältnisse interpretiert und in seltener Intensität darstellt. Damit ist er ein Fernseh-Aufklärer durch und durch, jemand, der den Idealen vielfältiger Bildung in jeder Hinsicht verpflichtet ist.

In seiner Kunst ist Geschonneck immer nah beim Publikum, das sich in seinen Filmen nahezu beiläufig selbst näherkommt und erkennen kann – auf beste Art spannend und subtil unterhalten.




Kurzvita

Matti Geschonneck, geboren 1952 in Potsdam, studierte Regie am Eisenstein-Institut in Moskau. Er verließ 1978 die DDR, arbeitete als Regieassistent, unter anderem bei Thomas Langhoff und Eberhard Fechner.

 

Seit 1990 arbeitet er als Regisseur. Neben zahlreichen „Tatort“- und „Polizeiruf“-Folgen entstanden unter anderem „Angst hat eine kalte Hand“, „Silber-hochzeit“ sowie „Duell in der Nacht“.

 

Geschonneck wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Grimme- Preis für „Die Nachrichten“ (2006) und „Liebesjahre" (2012).