Moral, Maßstäbe, Diskurs: der Grimme-Preis und das „Dschungelcamp

Von Uwe Kammann

Direktor Grimme-Institut

 

Noch nie waren die Reaktionen auf einen Zwischenstand im Preisverfahren so heftig und so mehrheitlich ablehnend, bis zu tiefster Empörung. Menschenverachtend und -unwürdig sei dieses „Dschungelcamp“, zynisch und ekelerregend, ein Beleg für einen Tiefststand bei der allgemeinen Programmqualität. Die Auswahl für den Endkorb der Unterhaltungs-Jury sei folgerichtig auch ein Beleg für den völligen Verlust von Maßstäben beim Grimme-Preis, der doch bislang – so meist die Hinzufügung – ein Synonym sei für Seriosität und höchste Ansprüche an die Programmqualität.

 

Solche Kritik lässt die Verantwortlichen für den Preis nicht unberührt, selbstverständlich ist sie sehr ernst zu nehmen. Und, um es hier vorweg zu sagen, natürlich ist solche Kritik auch verständlich. Denn viele äußere Erscheinungen und Vorgänge des „Dschungelcamp“ sind nach herkömmlichem Empfinden ekelerregend und widerlich, verletzen für viele Menschen gewohnte Grenzen des Geschmacks. Richtig ist aber auch: Seit nunmehr acht Jahren nimmt eine große Anzahl von Menschen – um acht Millionen pendelnd – diese im australischen Dschungel inszenierte Show als Unterhaltung wahr, und eine Vielzahl von Medien (inklusive der unbestritten seriösen) verfolgt dieses auch in den sozialen Medien intensiv begleitete Spektakel mit hoher Intensität. Das „Dschungelcamp“ ist somit in jeder Hinsicht nicht nur ein programmliches, sondern auch ein gesellschaftliches und ein individuelles Phänomen, bei einem sehr gemischten, zu einem Drittel akademisch gebildeten Publikum.

 

Das Bestimmen der Eigenschaften

 

Mithin: Zu beurteilen ist eine Sendung, die in hohem Maße polarisiert – und dies natürlich auch will. Die Frage ist: Welche Eigenschaften sind es, die für viele Menschen den Unterhaltungsreiz ausmachen? Und: Wie sind diese Eigenschaften, Eigenarten und spezifischen inszenatorischen Zutaten zu bewerten, und dies in jeglicher Hinsicht: von der Konzeption über die Inszenierung, die Personalkonstellation, die professionelle Umsetzung, die Produktionswerte, die Moderationsleistungen, die inneren und äußeren Spielregeln, den Schauwert, natürlich auch die mit allem verbundene Haltung.

 

Dies hat die Nominierungskommission ausgiebig diskutiert und sich dann einstimmig entschieden, die Sendung an die Endjury weiterzureichen. Nicht aus Jux und Dollerei und aus Lust an der zu erwartenden Kontroverse; auch nicht mit Blick auf zu erwartende Aufregung und auf ein großes Medienecho; schon lange nicht als Wurf mit der Wurst nach dem Schinken und einer Verbeugung vor dem Herrschaftsanspruch der Quote, nach dem berüchtigten Motto, dass Millionen Fliegen sich nicht irren können, wenn…

 

Nein, die Nominierungskommission ist nicht in diesem Jahr zeitgeistig verlottert, sondern sie setzt – wie immer -- auf eine ernsthafte Auseinandersetzung. Denn die Stärke des Grimme-Preises ist nicht allein die hohe Qualitätskonstanz bei der Auswahl, sondern sie besteht auch und vor allem im Diskurs über eben diese Qualität. Ein Diskurs, der bei jedem Wettbewerb von rund 60 renommierten, unabhängigen Personen geführt wird, die insgesamt über sieben Wochen das Gesamtangebot eines Fernsehjahres intensiv sichten und diskutieren. Bevor dann die Endjurys ihre Enscheidungen für zwölf Sendungen fällen, die sie für modellhaft für die Fernsehpraxis halten – was dann für jede Preisproduktion ausführlich begründet wird. Nochmals unterstrichen: Dies geschieht in bewusst gewährter völliger Unabhängigkeit der Kommissionen und Jurys – damit ein authentisches, freies Urteil zustandekommt.

 

Nur offener Diskurs bestimmt das Qualitätsurteil

 

Diskurs ist deshalb so wichtig, weil Qualität (neutral: Eigenschaft, Beschaffenheit) in ihren Abstufungen von hoch bis niedrig nicht aus einer Tabelle abgelesen werden kann, in der man einzelne Punkte ankreuzt. Vielmehr lässt, das zeigt die jahrzehntelange Grimme-Erfahrung, Qualität immer nur von Fall zu Fall ermitteln. Ein verlässliches, mehrheitlich geteiltes Qualitätsurteil ist immer an individuellen Austausch gebunden, bei dem die Kerneigenschaften eingekreist werden. Dass die generellen und die individuellen Maßstäbe und Beurteilungskriterien dabei auch stark zeitgebunden sind, zeigt eine Studie, die das Grimme-Institut vor einigen Jahren erstellt hat (Link zum PDF am Ende dieses Beitrags).

 

Schon immer hat es in der Geschichte des Grimme-Preises Sendungen gegeben, deren Auszeichnung starken Protest bis zur Empörung hervorgerufen haben. Dies hat natürlich auch mit Positionen und Interessen zu tun. So beispielsweise, als der Film „Rote Fahnen sieht man besser“ als schlimme TV-Agitprop kritisiert wurde. Oder als die Harald-Schmidt-Show und später dann Stefan Raab mit der Casting-Show „SSDSGPS − Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star“ ausgezeichnet wurden: für nicht wenige Kritiker der Beweis von Grimme-Niedergang und Anpassung an niedrigste Muster.

 

Dass sich wiederum Einschätzungen im Laufe der Zeit verändern können, zeigt die Bewertung von „Einer wird gewinnen“ und von „Wetten, dass..?“. Bei den Einzelpreisen wurden beide Unterhaltungsshows nicht ausgezeichnet; erst später wurden deren Qualitäten und die Qualitäten ihrer Moderatoren über die Besondere Ehrung für Hans-Joachim Kulenkampff und Thomas Gottschalk gewürdigt.

 

Was wiederum darauf verweist, dass gerade die Unterhaltung ein äußerst heikles Feld ist. Hier gehen die Einschätzungen und die Urteile am stärksten auseinander. Nirgends ist der Streit größer, je nach den Vorlieben, welche die einzelnen Zuschauer hegen, je nach soziokulturellen Einflüssen, je nach dem Geschmack auch, den sie mitbringen – und der ganz und gar nicht nur gruppengebunden ist. Insofern: Speziell dieses Feld des Fernsehens, welches dessen Alltagspraxis so sehr prägt – so wie sich auch das Zuschauerverhalten stark auf Unterhaltung fixiert – ist extrem von subjektivem Erleben und individuellen Einstellungen sowie von Emotionen bestimmt. Gerade weil nun TV-Unterhaltung diese große Bedeutung hat, gibt es im Grimme-Wettbewerb seit nunmehr acht Jahren auch diese eigene Kategorie – welche wegen des beschriebenen Auseinanderdriftens der Vor-Urteile naturgemäß auch in den Vorauswahlkommissionen und Jurys immer wieder lebhafteste Auseinandersetzungen hervorruft.

 

Tiefgreifender gesellschaftlicher Wertewandel

 

Eines darf man beim jetzigen Streit um dieses offene und spektakuläre Soziallabor namens „Dschungelcamp“ überhaupt nicht vergessen: den tiefgreifenden Wertewandel, den die Gesellschaft seit der Nachkriegszeit und beschleunigt seit Ende der 60er Jahre vollzieht. Für viele Menschen gibt es nicht mehr ein nicht hinterfragtes Moralgesetz. Vielmehr werden die Vorstellungen von Moral (in der Grundbedeutung nichts anderes als das Modell der Sitten und Gebräuche) im steten Fortgang von Praxis und Theorie verhandelt --manchmal offen, eher aber noch subkutan, durchs Handeln, Hinnehmen, Weitertragen.

 

Im Fernsehen haben sich viele Maßstäbe verschoben, seit der Mitte der 80er Jahre aufgenommene kommerzielle Wettbewerb die Spielregeln der programmlichen Zielsetzung unter der Marke von quantivativem Erfolg grundlegend verändert hat – und damit auch das Verhältnis von Angebot (vorher weitgehend gesellschaftlich orientiert) und Nachfrage.

 

Beim Brüll-Duell auf dem „Heißen Stuhl“, bei der Auszieh-Show „Tutti Frutti“, bei nunmehr sendefähigen softpornigen Schulmädchen-Reports oder bei Tortenwürfen in „Alles Nichts Oder?!“ war die Türöffner-Funktion klar zu erkennen, alles bewegte sich aber weitgehend in gemäßigten Bahnen von Bahnhofsbuchhandlungen. Mit „Big Brother“ erreichte die Diskussion um Maßstäbe und Zeigbares erstmals eine neue Dimension: sehr grundsätzlich, sehr ernsthaft, sehr leidenschaftlich, speziell unter dem Aspekt der Menschenwürde. Aber ob überhaupt, in welcher Form und in welchem Ausmaß sie durch die Container-Lebenssimulation verletzt würde und welche Auswirkungen das haben könnte, blieb im Fazit offen, auch im Gutachtachten der Landesmedienanstalten.

 

Ein zentrales (und höchst umstrittenes) Argument immer wieder: die Freiwilligkeit der Akteure, sich Situationen auszusetzen, die leicht als erniedrigend, demütigend, verletzend empfunden werden können. Wo schlägen Schutzwille und Fürsorge in Bevormundung um, welchen Stellenwert hat die Wahl- und Handlungsfreiheit in einer Gesellschaft mit emphatischem Freiheitsbezug und ebenso emphatisch propagierter/geforderter individueller Glückssuche? Wie nehmen die Veranstalter ihre Verantwortung war? Sprich: Welche Antworten können und wollen sie geben, wenn es um ureigenste und gleichwohl zur Schau gestellte menschliche Eigenheiten geht, folglich auch um individuelle/gesellschaftliche Normen und um Persönlichkeitsrechte?

 

Dies alles ist einem ständigen Diskurs unterworfen, bei dem eines offensichtlich ist: Die (offene) Praxis ist Reflexionen und Argumenten oft einige Schritte voraus. So dass, siehe die Grimme-Debatte, immer wieder zu fragen ist: Wo stehen wir heute? Ein Heute übrigens, das ganz wesentlich von einigen Faktoren besonders bestimmt wird. So von der Ökonomie der Aufmerksamkeit und dem Streben vieler nach medialer Präsenz als Existenzbeweis – ein Streben, das immer öfter zur absoluten Selbstentblößung führt, zum Aufgeben früher selbstverständlicher Privatheit. So auch von der bald vollständigen Zugänglichkeit auch zu intimsten und privatesten Dingen – jeder nur einstündige Rundgang im weltweiten Netz belegt das aufs Gründlichste – und oft auch Erschütterndste.

 

Die Allgegenwart früherer Tabubrüche

 

Diese allgemeine und unmittelbare Zugänglichkeit – jederzeit, überall – ist sicherlich der größte Unterschied zu bisherigen Formen der medialen Grenzverletzungen, Tabubrüche, Moralverschiebungen, wie sie gerade auch Kunst und Kultur kennzeichnen. Jeff Koons Selbstfotos in Kopulation mit Pornostar Cicciolina (später Parlamentsabgeordnete in Italien): eine Ikone in  Ausstellungen. Die sexuellen Gewaltphantasien eines de Sade, einst als „Bluthusten der europäischen Kultur“ verdammt, werden heute nicht selten auch als radikalste Aufklärung über Mensch und Gesellschaft dechiffriert. Das blutige Orgien-Mysterien-Theater des Hermann Nitsch: für manche Kunstfreunde ein Nachspielen hochkultureller Urszenen. Undundund. Selbst eine aktuelle Inszenierung der Händel-Oper „Xerxes“ setzt nicht nur hinreißend auf barocke Spiel- und Schaulust, sondern allzu oft auch auf lauter Klamauk, Rotlichtanspielungen und offene sexuelle Anzüglichkeiten. Das bürgerliche Publikum applaudiert heftig. Vielem ist auch nicht zu entkommen – jedefrau/jedermann jeglichen Alters sieht an Bushaltestellen Dessous-Werbung, die früher ins pornographische Kabinett gesperrt worden wäre.

 

Anderes Stichwort: Gewalt. Wir amüsieren uns zu Tode, befand vor knapp dreißig Jahren der Medienwissenschaftler Neil Postman in dann rauf- und runterzitierten Untersuchung zur Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Der Titel hätte besser heißen müssen: Wir amüsieren uns mit dem Tode. Nicht mehr wie frühere Menschen im römischen Abendland und dann in allen weiteren Epochen (vom realen Todesspiel bis zur schaulustig genossenen Hinrichtung); nein, heute ist Gewalt in medial vielfältiger Form allgegenwärtig, vor allem in den inzwischen dauerpräsenten Krimis. Es handelt sich mithin offenbar um ein Grundfaszinosum der Unterhaltung, intensiv inszeniert, vielgelobte TV-Reihen aller Provenienz eingeschlossen. Die Blockbuster-Filmindustrie setzt schon lange auf drastisches Hauen und Stechen, welches das einst von Artaud geforderte Theater der Grausamkeit als mediale Inszenierung einlöst, gerne auch als kultig eingestuft, wenn etwa Tarantino sie minutiös in Szene setzt.

 

Diese Ausflüge sind weit, ja, aber sie sind unerlässlich. Weil wir immer wieder reflektieren müssen, wann wir wie reagieren, wann wir was wie beurteilen. Wann ist beispielsweise Schadenfreude normaler Bestandteil des Spiels – nur beim scheinbar so harmlosen Mensch ärgere dich nicht, oder auch bei einem als Interaktiv-Schau inszenierten gruppenpsychologischen Experiment wie dem Dschungelcamp? Wann ist Aus- und Abwählen fies: Nur bei Casting-Shows, oder auch schon beim Zusammenstellen der Fußballmannschaften in der Schulturnhalle? Setzt der Risikokitzel erst ein, wenn’s um Prüfungen im Camp geht, oder ist er Begleiter jeder Trapeznummer unter der Zirkuskuppel?

 

Dies wäre wahrscheinlich das Beste dieser so heftigen Preisdiskussion: In einem breiten Diskurs, weit über die Grimme-Jurys hinaus, kann noch einmal neu und intensiv nachgedacht werden: über unsere Maßstäbe, über unser eigenes Alltags- und Ausnahmeverhalten, über die Entwicklung von Moraldebatten wie einst über Abtreibung und jetzt über Homo-Ehe inklusive Adoptionsrecht; und eben auch über das Fernsehangebot insgesamt sowie über die Qualitäten von Sendungen, die nicht offensichtlich zum Hochklasse-Fernsehen gehören wie die Filme eines Matti Geschonneck, der dafür in diesem Jahr bei Grimme besonders geehrt wird.

 

Die schillernden Zwischenzonen

 

Nein, besonders interessant wird es vielmehr da, wo Qualitäten schillernd sind, wo Inszenierung und Spektakel auch auf ganz kontroverse Arten gesehen und gedeutet werden können, wo die Interpretationen nicht so eindeutig sind, wo – kurz gesagt – das Spiel schillernd und offen ist, wo es polarisiert, wo es sehr gegenläufige Empfindungen auslöst, wo sich stark changierende und teils feindselig gegenüberstehende Teil-Öffentlichkeiten bilden, die nur schwarz-weiß kennen und Grauzonen verabscheuen.

 

Wer einen Schritt zurücktritt, sollte sich übrigens noch einmal Franz Kafkas Unterhaltungs-Interpretation anschauen. „Auf der Galerie“ heißt dieser vor mehr als 90 Jahren erzählerisch fixierte Parabelblick auf das Zirkusgeschehen in der Manege. Da sieht der Galeriebeobachter erst die brutal vor dem Publikum per Peitsche zur Höchstleistung getriebene lungensüchtige Kunstreiterin, dann, im höchsten Kontrast, das Bild einer vom Direktor umsorgten und  hofierten Dame voller Würde und Glück auf dem Rücken eines Apfelschimmels. „Da dies so ist“, schließt der knappe Text, „legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

 

 

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Zur Qualitätsstudie „Im Spannungsfeld“.