Begründung der Jury

Wie verhält sich ein Mensch, wenn er Tag und Nacht auf Schritt und Tritt verfolgt wird? Im Orwellschen Überwachungs- und Präventionsstaat erinnert der stechende Blick des „Big Brother” an die allgegenwärtige Beobachtung. Im Zeitalter der Handys jedoch bekommt die Mehrheit der Bürger gar nicht mit, dass nicht nur ihre Kommunikationsvorgänge, sondern auch ihr Aufenthaltsort protokolliert und gespeichert werden. „Big Brother” ist Fiktion, die von der Realität durch die Vorratsdatenspeicherung rechts überholt wurde. Der abstrakte Begriff täuscht darüber hinweg, dass es kein „Opt-out” aus der Überwachung gibt.
Was die Vorratsdatenspeicherung aber für den Einzelnen bedeutet, wenn die gespeicherten Daten mit den selbst preisgegebenen Datenspuren aus Facebook & Co.  zusammengesetzt werden, zeigt die innovative Verknüpfung und Visualisierung solcher Daten in „Verräterisches Handy: Was Vorratsdaten über uns verraten”. Die im Zeitraffer dargestellten und aus mehreren Quellen zusammengesetzten Daten eines halben Jahres im Leben des Grünen-Politikers Malte Spitz bieten eine eindrucksvolle Aufarbeitung des aktuell relevanten Themas. Die Interaktion mit den Daten erlaubt eigene Schlüsse, die von einem Artikel auf „ZEIT ONLINE” begleitet werden. Auch der Download der Daten ist möglich, um eigene Analysen durchführen zu können.
Datenjournalismus ist in Deutschland noch unterentwickelt, und „ZEIT ONLINE” hat einen ersten, wichtigen Beitrag zur Kultivierung dieses Genres geleistet. Hier entsteht ein neues journalistisches Feld, das so nur im Web möglich ist.