Teufelbraten - Begründung der Jury
Wenn Ulrich Noethen als einfacher Arbeiter wieder und wieder auf sein Fahrrad steigt, mit den Tücken des Rades kämpft, mit dem Wetter, dem Schlamm, und wenn sich dieses Bild durch die Jahre zieht und alle anderen ihn längst überholen, PS-stark und automobilisiert, dann erzählt dieser eine Strang ebenso beiläufig wie bravourös genau, wie die Zeiten waren und in ihnen die Menschen. Der Zweiteiler „Teufelsbraten“ nimmt sich die Zeit, Menschen und Zeitläufe zu erkunden, mit wacher Kraft, zartester Zuwendung und großem historischen Einfühlungsvermögen.
Es ist zunächst die Geschichte eines Kindes, dann eines Mädchens und schließlich einer jungen Frau, die sich nach Bildung sehnt, ehe sie weiß, was das ist, die aus ihrem bildungsfeindlichen Milieu ausbrechen will, ehe sie weiß, wie sehr diese Elternwelt sie gefangen nimmt. Der Fluss der Zeit, ein Abenteuer an sich, wird dabei sehr gekonnt dargestellt. Wenn im ersten Teil der Geschichte drei Darstellerinnen die Protagonistin und ihr Heranreifen verkörpern, dann geschieht das so elegant und überzeugend, wie man es selten gesehen hat.
Der atmosphärische und kulturelle Wandel von den späten 50er zu den 60er Jahren wird mit sicherem Gespür für Farben, Bilder und sprechende Szenen eingefangen, man fühlt sich im besten Sinne in eine Familiensaga und ihre Zeit entführt. Denn so sehr sich der Film im zweiten Teil auf die Protagonistin Hildegard konzentriert – Anna Fischer hat die vielgestaltige Kraft und das innere Leben, um uns diese Figur ganz fühlbar zu machen, uns weit Entferntes nah zu bringen –, so sehr ist er auch ein Ensemblefilm mit anrührenden Familienszenen.
Ulrich Noethen spielt diesen leidenden und zugleich Leid zufügenden, diesen groben und doch irgendwo zarten Vater mit härtester Präsenz. Peter Franke als Großvater bricht uns das Herz, und Margarita Broich als Mutter und Barbara Nüsse als Großmutter spielen so hingebungsvoll, dass man ihren lebendigen Atem zu spüren vermeint.
Ins Auge springt sofort das enorme Vermögen, Vergangenheit auferstehen zu lassen. Dieses kleine Wunder bewirken vor allem drei Menschen: Die Ausstatterin Bettina Schmidt lässt die Dinge das Vergangene erzählen; Volker Einrauch hat die literarische Vorlage verschlankt, manches verdeutlicht und dennoch das wahre Leben, das in Ulla Hahns Autobiografie steckt, geborgen; und schließlich hat Hermine Huntgeburth, eine der empfindsamsten Regisseurinnen, alles zum Leuchten und Klingen gebracht. Kurz und gut: Großes Fernsehen, ein epischer, mitreißender Strom.
