Medienkritik im Internet

Das Publikum ergreift das Wort

von Christoph Neuberger

Das Internet hält für alle Medienberufe, die bisher auf der Bühne der Öffentlichkeit die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums besaßen, die schmerzliche Erfahrung bereit, dass die Laien das Parkett verlassen und selbst auf die Bühne steigen. Dies gilt auch für die Medienkritik: Es sind nicht mehr nur die professionellen Rezensenten und Kritiker, die Lob und Tadel verteilen.

Nun meldet sich das Publikum selbst zu Wort. Das Internet ist ein großer Resonanzraum, eine Echokammer der Medien: Im Internet kann jeder schreiben – und weil man ja über irgendetwas schreiben muss und das Internet das Nächstliegende überhaupt ist, wenn man vor dem Rechner sitzt, wird viel über das Internet selbst geschrieben, aber auch über die anderen Medien, mit denen man ebenfalls viel Zeit verbringt.

Neu ist also, dass die Anschlusskommunikation des Publikums über das Gelesene, Gesehene und Gehörte öffentlich geschieht. Bisher blieb der Kommentar über das Fernsehprogramm am Vorabend oder das Buch, das man gerade zu Ende gelesen hatte, auf das persönliche Umfeld, auf den Kreis der Familie, der Freunde und Arbeitskollegen beschränkt. Dort blieb die Laienkritik verborgen und konnte kaum Wirkung entfalten.

Heute trifft sich das Publikum im Internet, tauscht Tipps aus und diskutiert über die Qualität des Gebotenen: über Websites, Fernsehsendungen, Kinofilme, Tageszeitungen, Bücher und CDs. Das ist oft hilfreich. Doch das Internet bietet noch mehr: Es bietet auch die Chance, die Distanz zu verringern, die zwischen Medienkritik und Publikum besteht. Eine professionelle Kritik hat sich bisher vor allem für zwei Massenmedien herausgebildet: für das Buch und das Fernsehen. Bestsellerlisten und Einschaltquoten belegen, dass sich zumindest das breite Publikum von den Fingerzeigen der Kritik wenig beeinflussen lässt. Als beratungsresistent erweist sich auch ein Großteil der Verlage und Sender: Literatur und Fernsehkritik passen nicht ohne weiteres zur ökonomischen Logik der Massenmedien. Gegenüber Kostengesichtspunkten und Reichweiten haben feinsinnige Einwände kaum eine Chance.

Im Internet könnten professionelle Kritiker mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Sie könnten seine Anliegen aufgreifen, und sie könnten die Rezipienten mit ihrem Expertenwissen dabei unterstützen, die Medien zu verstehen und ihre Qualität zu beurteilen. Dies könnte längerfristig die Geschmacksbildung fördern. Durch die gemeinsame Reflexion der Medienangebote könnten sich höhere Ansprüche herausbilden, die zugleich von den Anbietern beobachtet werden und diese veranlassen könnten, die Qualität zu verbessern. Mit dem „Lesesaal“ demonstriert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, wie dieses Gespräch mit dem Publikum in Gang gesetzt werden kann. Und jedes Medium kann jetzt sein Publikum zur „virtuellen Redaktionskonferenz“ einladen.

Kreative, Redakteure und Produzenten werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie im Internet unter Dauerbeobachtung stehen. Oft sind sie noch darüber irritiert, wenn das Publikum nicht mehr stillhält. Und auch der raue Ton, der im Internet mitunter angeschlagen wird, ist oft Anlass für Kränkung und verletzte Eitelkeit. Redaktionen wehren sich vor allem gegen jene Blogger, die sich selbst als kleines Häuflein der „letzten Aufrechten“ (Bernd Graff) gegen das Medien-Establishment verstehen. In den letzten Monaten häuften sich die Auseinandersetzungen zwischen Journalisten und Bloggern, die längst den Charakter ritueller Schaukämpfe haben und in denen nichts Neues mehr zu erfahren ist.

Dass gerade Journalisten so empfindlich auf Kritik reagieren, hat einerseits mit ihrem traditionellen Rollenverständnis zu tun: Sie sind keine Widerworte gewohnt, wenn sie vor ihr Publikum treten und ihm die Welt erklären. Es hat andererseits aber sicher auch mit der Verunsicherung ihrer Profession zu tun – und auch dafür ist das Internet verantwortlich: Die Erosion der Leserreichweite und Anzeigenumsätze, die bei den Zeitungen zu registrieren ist, wäre nur halb so schlimm, wenn sich das bisherige Geschäftsmodell ins Internet übertragen ließe. Dann müssten die Verlage nur den Rezipienten und Inserenten dorthin folgen. Doch unter den Usern herrscht eine Gratismentalität: Für Nachrichten wird ungern bezahlt – ist doch der nächste kostenlose Anbieter nur ein paar Klicks entfernt.

Und auch das Prinzip der Querfinanzierung durch Werbeerlöse ist in Frage gestellt: Wenn Suchmaschinen und „User generated Content“ als attraktives Werbeumfeld erschlossen werden, dann wirft dies unweigerlich die Frage auf, ob es noch notwendig ist, teure Redaktionen und Produktionen zu finanzieren, um Werbeflächen und -zeiten verkäuflich zu machen. Dass Medienkonzerne inzwischen hohe Summen in Kontaktnetzwerke im Internet investieren, in denen die Nutzer sowohl unbezahlte Contentproduzenten als auch die Zielgruppe der Werbung sind, deutet an, dass sich hier Interessen verlagern.

Wenn der Wettbewerbsdruck steigt, wächst auch die Neigung, für das eigene Haus, das eigene Medium und die eigene Profession Stellung zu nehmen und die Konkurrenz abzuwehren. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb der Konflikt zwischen Zeitungen und öffentlich-rechtlichem Rundfunk über die Grenzen eines gebührenfinanzierten Internet so verbissen ausgetragen wird. Dabei gerät nicht zuletzt die Neutralität der professionellen Medienkritik in Gefahr.

Umso wichtiger sind unabhängige Institutionen, die Qualitätsmaßstäbe für Massenmedien definieren und anwenden. Und das gilt ganz besonders für das Internet: Kein anderes Medium bietet so viele Optionen, kein anderes Medium ist so formbar. Die Möglichkeiten des Internet sind noch kaum ausgelotet: weder im Guten noch im Schlechten. Und deshalb ist wahrscheinlich auch im Internet öffentliche Kritik wirksamer als in jedem anderen Medium: Weil alle auf der Suche sind und sich niemand Routinen leisten kann, finden Empfehlungen viel eher ein offenes Ohr.

Der Autor

Christoph Neuberger ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 1996 beschäftigt er sich in Untersuchungen und Publikationen mit dem Journalismus und der Öffentlichkeit im Internet. Er ist Mitglied der Jury beim Grimme Online Award 2008.

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