44. ADOLF-GRIMME-PREIS 2008

Wettbewerb Fiktion

Adolf-Grimme-Preis
an
Stefan Kolditz (Buch)
Urs Egger (Regie)
Christian Granderath (Produktion)
Jacob Matschenz und Bernadette Heerwagen (Darstellung)
für
An die Grenze
(ZDF/ARTE)

Produktion: Colonia Media

Begründung der Jury

Ein junger Mann auf dem Sprung ins Leben: sich abnabeln vom übermächtigen Vater, sich einen eigenen politischen Standpunkt erarbeiten, die Liebe in Angriff nehmen – soweit die Projekte des 19-jährigen Alexander Karow. Ein klassisches Coming-of-Age-Drama. In die Fernsehgeschichte aber wird „An die Grenze“ als ein politischer Film eingehen, einer, welcher der DDR ein Stück ihrer Realität zurückgibt. Eine Realität, die in den viel zu vielen schwarzweiß gezeichneten Filmen zum Thema von einer übermächtigen Fernsehästhetik ins Unkenntliche verzerrt wurde.

Der Zuschauer lernt die Nöte und kleinen Freuden eines NVA-Soldaten kennen, der im WM-Sommer 1974 an der innerdeutschen Grenze seinen Wehrdienst ableistet. So ähnlich könnte es gewesen sein: der Drill in der Kaserne, die sadistischen Rituale mit denen die Entlassungskandidaten die Jungsoldaten quälen, die Angst vor dem Schießbefehl und die Panik, wenn der Ernstfall einzutreten droht und man an die eigene Grenze stößt.

Autor Stefan Kolditz stand selbst mit der Waffe am „imperialistischen Schutzwall“. Für die Menschen auf der anderen Seite war die Grenze Symbol für ein inhumanes System, die Soldaten mit der Kalashnikov im Anschlag waren dessen Repräsentanten. Der Film ergänzt jenen West-Blick um die DDR-Binnensicht. An Glaubwürdigkeit gewinnt er durch den Mut, eine vermeintlich randständige Geschichte aus dem Spektrum der DDR zu erzählen, nur einen Ausschnitt zu zeigen und durch die Konsequenz, mit der er Individualität und Subjektivität zu den Grundpfeilern seiner Geschichte macht. So vermeidet Kolditz gängige Klischeebilder und Vorurteile.

Das Spannungsfeld, in dem sich der junge Held befindet, nimmt Regisseur Urs Egger filmästhetisch auf: „An die Grenze“ ist Kommissdrama, Liebesfilm und DDR-Reflexion in einem. Die verschiedenen Tonlagen schaffen eine vielschichtige Wirklichkeit, sorgen für große Wahrhaftigkeit. Jacob Matschenz spielt leise, zurückgenommen, als Alex ist er ein junger Mann auf Beobachtungsposten. Bernadette Heerwagen, gewohnt präzise in der Beiläufigkeit ihres Spiels, gibt das Gegenbild zum grauen Kasernenalltag. Doch auch Egger scheut die Schönheit nicht und projiziert wunderbar die junge Liebe auf die Natur. Landschaft und Kaserne ermöglichen überdies sehr viel nachhaltigere Bilder, als wenn wieder einmal die Stunde der Blümchentapete geschlagen hätte. Hier wird einem nicht in 105 Minuten die DDR erklärt, sondern es werden bewegende, anrührende, nie künstlich dramatisierende Geschichten von der deutsch-deutschen Grenze erzählt. Diese Bescheidenheit unterscheidet „An die Grenze“ so wohltuend von anderen Spielfilmen über den oft belächelten Arbeiter- und Bauernstaat. Sie macht diesen Film so wegweisend.