Laudationes
Tom Schimmeck: Laudatio für „Zapp“
Matti Geschonneck: Laudatio für Thomas Thieringer
Tom Schimmeck
Laudatio für „Zapp“
Liebe Juroren, Kollegen, liebe Preisträger und Preisverdächtige, Mediengenießer und –verächter, verehrte Volkshochschüler, liebe Bergfestgemeinde!
Dies ist meine erste Laudatio. Und ich hätte die mich ohnehin recht absurd dünkende Bitte, diese zu halten, schlankweg abgelehnt, wäre ich nicht vor wenigen Wochen erstmals selbst in den Genuss einer Laudatio gekommen. Ein Herr Prantl von der „Süddeutschen“ lobte mich mit derart reizenden Wonneworten weit über den grünen Klee, dass mich irgendwann, mitten im glücklichen Lächeln, von schräg hinten die Frage anpackte, warum mich eigentlich seine Zeitung nicht gelegentlich druckt.
Im Ernst: Lob tut verdammt gut. Lob tut auch Not. Es wird viel zu wenig gelobt. Obwohl wir ja eigentlich in einer Ära der Apologeten leben. Mit diesem Zeitgeist, der alles irgendwie schick und lustig findet, aber kaum etwas wirklich ernst nimmt. Aber Schleimscheißerei ist ja kein Lob. Zumal, wenn der Applaus automatisch kommt, sobald die Lampe „Beifall“ aufleuchtet. Und alle ansonsten nur dumm herumstehen. In all diesen künstlichen Landschaften, der Politlandschaft, oder der Medienlandschaft, wo man neuerdings nur noch richtig „positioniert“ sein muss, „gut aufgestellt“, ohne dabei für irgendetwas zu stehen. Außer für dieses kolossale Kunstprodukt namens Ego. Vielleicht rotieren alle dermaßen schnell um ihren Bauchnabel, dass keine Gelegenheit mehr ist, das Schaffen Anderer zu würdigen. Vielleicht ist der Existenzkampf auch zu hart, leben die meisten inzwischen nach dem guten alten FDP-Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Möglicherweise gibt es auch einfach sehr wenig, viel zu wenig, was wirklich zu begeistern vermag.
Nein, stopp: Ich wollte ja loben. Ich wollte ZAPP loben. Denn die Redaktion von „Zapp“ ist es, die hier heute Abend beim „Bergfest“ den Bert-Donnepp-Preis für Medienkritik erhält. Ein Trio, dessen Bestandteile auf die Namen Julia Stein, Nicola von Hollander und Kuno Haberbusch hören. Die Redaktion und ihre Autoren machen kritischen Journalismus beim Norddeutschen Rundfunk, was schon für sich genommen eine lobenswerte Leistung ist. Sie tun dies obendrein allwöchentlich – in einer Sendung mit dem sehr medienkritischen Namen „Zapp“. Wobei der Name, ich habe das überprüft, nicht englisch zäpp ausgesprochen wird, sondern tatsächlich „Zapp”. Und neben der offensichtlichen Anspielung auf das schnelle Fummeln mit der Fernbedienung womöglich eine versteckte Hommage an Frank Zappa ist, der vor 35 Jahren jene prophetischen Zeilen schrieb, die eigentlich jeder Grimme-Juror auf dem Nachtschränkchen stehen haben müsste:
...I'm the best you can get.
Have you guessed me yet?
I am the slime oozin' out
From your TV set
You will obey me while I lead you
And eat the garbage that I feed you
Until the day that we don't need you
Don't go for help...no one will heed you
Your mind is totally controlled
It has been stuffed into my mold
And you will do as you are told
Until the rights to you are sold...
Ich gebe zu: Ich war auch ein bisschen neugierig auf dieses sagenhafte Örtchen Marl und sein Grimme-Institut. Eine echte Institution. Schon in meinem Geburtsjahr 1959 – Jahrzehnte, bevor uns Helmut Kohl das Privatfernsehen schenkte – diskutierte man hier die ewig virulente Frage: „Vergeht uns das Denken vor lauter Hören und Sehen?“ Auf Einladung jenes Bert Donnepp übrigens, dessen Name der hier zu verleihende Preis trägt. Auch wenn man mit dem TV so gar nichts zu schaffen hat – und ich kann bis auf den gelegentlichen Tatort, mal ein Tagesthema und natürlich solch seltene Leuchttürme wie „Zapp“ mit TV wenig anfangen – hört man so einiges über die Grimme-Schar, diese Crème der deutschen Fernsehkritik, die hier alljährlich zusammenkommt, um das Gute im deutschen Fernsehen aufzuspüren und zu würdigen. Das kleine Licht im großen Dunkel zu finden. In hunderten Stunden Programmgeröll den einen Diamanten zu orten. An diesem Auftrag gemessen war die Strafarbeit des Sisyphos bestenfalls ein Halbtagsjob. Wie schaffen sie das nur? Wie bewältigen sie all die dunklen Stunden vor flackernden Monitoren? Gespannt harrt die TV-Welt ihres Urteils. Richtet sich an Ihnen auf. Darf ich sie die Nachtcreme des deutschen Fernsehens nennen?
Manchmal, entnehme ich beruhigt der Tagespresse, liegen sie auch so richtig daneben. Andererseits können sie nur aufs Treppchen heben, was real gesendet wird. Nun ja. Gelegentlich, wenn ihnen wieder einmal ganz langweilig bei dem Gedanken wird, immer nur „Anspruchsvolles“ auszuzeichnen, werfen sie doch einen Blick auf die Vita des Adolf Grimme, der die letzten Jahre des Nazis im Zuchtshaus verbrachte. Und später der erste Generaldirektor des einst so anspruchsvollen Nordwestdeutschen Rundfunks war. Aus dem u.a. der NDR wurde.
Womit wir im scharfen Bogen endlich wieder bei “Zapp” wären.
Mittwochs um 23 Uhr wird der Zuschauer des NDR-Fernsehens, der die Schaubuden, Serien, Talks und all die vielen Tier- und Heimatfilmchen überlebt hat, üppig belohnt. Dann bekommt er 30 Minuten “Zapp”. Ein kurzer Trailer, dem schnellen Daumenvibrato auf der Fernbedienung nachempfunden, erklingt, und schon geht es los.
Medienjournalismus ist ja in aller Regel das Allerletzte: Journalisten, die über Journalisten schreiben. Wer wann wo mit wem. Wer wird was. Schon für unsereins zumeist öde. Für den Normalmenschen komplett irrelevant. „Zapp“ aber wendet sich nicht den Medienmachern zu, sondern tatsächlich den Medienkonsumenten. Auch dies ist durch und durch lobenswert. Zum einen, weil die Zahl der Medienkonsumenten die der Macher, jedenfalls bei halbwegs geglückten Medien, deutlich übersteigt. Zum anderen, weil deren Informationsbedürfnis ungleich höher ist.
“Zapp” macht hier tolle Arbeit. Wenn die Redaktion gut drauf ist, klettert sie tief in das Innere der Medienmaschine – und zeigt den Konsumenten, wie da all die Rädchen ineinander greifen, wie Wirklichkeiten inszeniert, mächtige Bilder produziert werden. Die Leute sehen hier, wie die großen Wellen gemacht werden, die unsere moderne multimediale Erregungskultur so heftig hin und her schaukeln. Sie lernen ein wenig über die Geheimnisse all dieser vermeintlich großen Themen, die so schnell wieder sang- und klanglos verschwinden. Sie dürfen einen Blick in die mediale Schweinezucht werfen; die Ferkel streicheln, die morgen als Säue durchs Dorf gejagt werden.
„Bild“ ist natürlich Stammkunde, aber auch das öffentlich-rechtliche Treiben kommt wahrlich nicht zu kurz. Herrlich etwa die Beiträge über die angebliche Kindersoldatin Senait Mehari. Man erlebt, wie die Frau, die in Eritrea angeblich Furchtbares durchlitten hat, den ganzen Betroffenheitsapparat durchläuft. Man sah, schon vor einem Jahr, flott aneinander geschnitten, den treuherzigen, von Tragik umwölkten Blick ihres Talk-Hosts Giovanni di Lorenzo; schaute zu, wie der Herr Beckmann auf seinem Schreibtisch vor Rührung zu zerfließen drohte. Alles für den guten Zweck natürlich. Die gute Sache. Und es ist zum Kaputtlachen und zum Jaulen zugleich.
Es hilft einem, so etwas zu sehen. Es schafft – im Fernsehen - Distanz zu dieser Emotionsschleuder, zu der Fernsehen immer mehr verkommt. Der Zuschauer begreift, dass man Zorn wie auch Rührung produzieren kann. Jeder, der das sieht, kapiert: Es ist ein Scheiß. Ich werde hier in etwas Klebriges hineingesogen.
Es ist schön, dass „Zapp“ das schafft. Und dabei nicht so schrecklich aufgeregt tut, nicht in dieses hyperventilierende Alarm-Weltuntergangs-Stakkato verfällt, mit dem Polit-Magazine zuweilen gerade ihre eher mittelmäßigen Enthüllungen aufpeppen. “Zapp” ist eher lässig. “Zapp” hat Humor.
Da wird auch mal recherchiert, was mit dem Presseausweis so für Unfug getrieben wird. Dabei besonders korruptionsanfällige Zweige des Journalismus ausgeleuchtet wie etwa der Reisejournalismus. Neulich konnte man zuschauen, wie sich die Hamburger Lokalpresse mit falschen Zahlen über Jugendkriminalität hinters Licht führen ließ. Gleich danach sah man die Story über den Abenteurer Dieter Glogowski und seine marktgerecht-rührselige Inszenierung einer Flucht aus Tibet.
Oft sind es reizende kleine Details: Letzte Woche etwa die vermeintlich spontanen Siegesworte der Frau Ypsilanti, die der Gatte neben ihr lautlos, aber lippensynchron mitspricht. Und dazu der telegene Pseudo-Wald-Spaziergang des Niedersachsen-Lächlers Wulff an der Seite seiner neuen Geliebten. „Zapp“ hat einen breiten Horizont, wirft den Blick auch nach Frankreich, in die USA oder gen Birma.
Am besten gefällt mir “Zapp”, wenn es richtig quer liegt. Und aktuelle Marotten der Medien aufspießt. Dieses schauerliche Experten-Unwesen etwa: Exemplarisch hier die Geschichte des Luftfahrtjournalisten Andreas Spaeth, der anno 2000, nach dem Absturz der Concorde, über Nacht zum Fernsehstar avancierte. Wegen eines Interviews. O-Ton Spaeth: "Danach stand hier in meinem Büro das Telefon nicht still. Es kann sich keiner vorstellen, der das nicht erlebt hat, wie es ist, wenn plötzlich ganz Deutschland, alle Redaktionen beschließen: Heute wollen wir Herrn Spaeth interviewen."
Manchmal, das will ich dazusagen, fällt selbst “Zapp” auf Maschen rein. Aber das ist auch schon wieder komisch. Wenn etwa – in einem Bericht über die „Chaostage“ beim „Spiegel“, Ex-Chefredakteur „Michi“ Jürgs noch einmal das grausame Schicksal seines Freundes und Ex-Chefredakteurs in spe Stefan Aust beweinen darf. Was der übrigens in vielen Medien tat. Zitat Jürgs: "Ich glaube, eine solche Entlassung ... erzeugt Gefühle von einer unglaublichen Depression am anderen Morgen.“
Ein bisschen schaurig war auch die Berichterstattung über die Intendantenkür im eigenen Haus, aus der man im Wesentlichen erfuhr, was schon in der Pressemitteilung des NDR stand: Wie toll und unabhängig sie alle sind und wie glücklich der alte Intendant über die Wahl des neuen. Der Titel lautete, sehr „Zapp“-untypisch: „Erfolgreiches Finale - Die Intendantenwahl beim NDR“. Darauf hätte man verzichten können.
Die Jury war offensichtlich zu faul, Ihnen das alles persönlich genau zu erläutern. Ich habe daher gestern sicherheitshalber noch einmal ihre Begründung nach-gegoogelt. Tatsächlich, da steht es: “Zapp” sei sowohl unterhaltsam als auch telegen und erhalte den mit 5000 Euro dotierten Bert-Donnepp-Preis für – Zitat – „mutige Medienkritik und praktizierte Medienethik“. Das Team habe in über 250 Sendungen „kritische Kontinuität“ bewiesen. Und dies ohne „falsche Rücksichtnahme auf das eigene System, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den es beharrlich an seine eigenen Ideale erinnert“.
Ideale. Das ist ein guter Punkt. Preise sollen ja gute Tendenzen verstärken helfen. Sollen diejenigen ermutigen, die mehr wollen als nur ihren Job machen. Im Idealfall jedenfalls. Es gibt ja jede Menge Preise. Ein regelrechtes Preisunwesen. Die Größen unserer Branchen hängen sich gegenseitig immer mehr Medaillen um den Hals. Man trifft sich dazu auf Gala-Shows, schüttelt sich die Pranken und wärmt sich aneinander. Hinzu kommen noch all die Preise von Verbänden und Industrie, von denen mancher schon ein bisschen anrüchig ist.
Der Bert-Donnepp-Preis aber ist keine Ehrung, die vom Zahnärzteverband für das Besingen der schönsten Zahnfüllung vergeben wird. Er wurde 1991 vom Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises als Deutscher Preis für Medienpublizistik gestiftet. Er soll einen guten Geist wach halten.
Ich denke, genau dies tut das „Zapp“-Team. Kuno Haberbusch, der früher „Panorama“ gemacht hat, lenkt die „ZAPPer“ wie auch das satirische Magazins „Extra3“ seit bald vier Jahren. Julia Stein und Nicola von Hollander sind seit 2006 dabei. Sie machen einen tollen Job. Sie hängen sich rein. Herzlichen Glückwunsch!
Matti Geschonnek
Laudatio für Thomas Thieringer
Der Regisseur ist ein einsamer Mensch, der einsamste. Er ist der empfindsamste, der empfindlichste, der mit einer flüchtigen Bemerkung, den man mit einem einzigen geschriebenen Wort tief verletzen kann. Selbstzweifel und Schwermut sind die Folge. Die Endzeit setzt ein.
Der Regisseur interessiert sich weder für Einschaltquoten noch für Kritik an seinem Werk.
Der Regisseur geht seinen Weg ... morgens, nach Erscheinen der Fernsehzeitschriften, in den benachbarten Supermarkt. Er schlendert – das aber gezielt – an das Zeitungsregal. Und mit geübten Handgriffen schlägt er den Tag der Sendung auf.
Tipp des Tages, der Daumen ist hoch gereckt, der Stern tiefrot. Das ist schon mal sehr gut ... Von drei Murmeln ist eine blass ... Das ist nicht gut.
Der Tag vor der Sendung. Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche, Westdeutsche Allgemeine, Hamburger Abendblatt, TAZ, Tagesspiegel ...
Die Medienseiten.
Erste Zeitung: kein Foto ... eine Textspalte ... eine Inhaltsangabe.
Ganz unten: „ ... sentimentales Liebesdrama, das als Politthriller daher kommt ... der Regisseur hätte besser den Schauspielern vertrauen sollen ...“ Na prima. Das steht einfach so da. Du bist machtlos.
Mein Name ist wieder falsch geschrieben. Was soll's ...
Unterschrift: kleines „d“, kleines „j“.
Die nächste Zeitung: mittelgroßes Foto der Hauptdarstellerin, kleine Bildunterschrift: Heute Abend, 20.15 Uhr. Punkt.
Die dritte Zeitung: gar nichts. Besser gar nichts, als ein Verriss ...
Die vierte Zeitung: Großes Foto mit beiden Hauptdarstellern. Halbe Seite Text. Letzte Zeile: „ ... diesen eher schlichten Film darf man getrost ein kleines Wunder nennen.“
Wer hat geschrieben? ... Ah ja ... Das ist einer von den Guten. Ich werde mich bei ihm bedanken. Nein, vielleicht besser nicht, sonst denkt der noch, ich will mich bei ihm einkratzen ...
Jedenfalls wird diese Zeitung gekauft und es beginnt ein schöner Tag.
Lieber Thomas Thieringer, ich sage hier gerne und offen: wenn das Kürzel TT zu lesen ist oder der ganze Name, dann weiß ich immer, dann wusste ich tatsächlich immer: ... der gehört zu den Guten.
Einer, der deinen Film wirklich gesehen hat, von A bis Z, aufmerksam und konzentriert - weil er Einzelheiten mitbekommen hat, die dem Autor, dem Regisseur, wichtig sind, am Herzen liegen. Einer, der ein genaues Gespür dafür hat, wie die Schauspieler agieren, der wirklich was übrig hat für diese Menschen, die im nicht ganz einfachen Zusammenwirken einen Film zum Erlebnis machen wollen, auch im Gedächtnis, über den Tag hinaus.
Thieringer, der ja auch sehr genaue, sehr kenntnisreiche Theaterkritiken schreibt, liebt aber nicht nur die Schauspieler, sondern das Medium, die Medien.
Bei ihm gibt es nicht diese alberne Wertehierarchie: Theater ganz oben - Film mittendrin - Fernsehen ganz unten. Stattdessen fragt er nach dem Angemessenen, nach der besten Ausdrucksform, nach der geeigneten medialen Lösung und Realisierung.
Hans Janke sagt: Thomas Thieringer gehört zu den eher rar gewordenen Kritikern, die sich dem Fernsehen auf eine Weise nähern, die ich liebend-abverlangend nennen möchte. Er traut dem Medium also, und er traut ihm sehr viel zu - auch weil er - programmgeschichtlich versiert, wie er ist - weiß, welche Großartigkeiten es hervorbringen kann. Wenn man es dafür in Anspruch nimmt.
Es ist die Haltung des Kritikers Thomas Thieringer, die seinen stets bildungsfundierten Text interessant macht. Von so einem darf, kann, muss man sich schon mal etwas sagen lassen - als Fernsehmacher. Zitat Ende.
Sie erinnern sich, Günter Rohrbach hat kürzlich der Zunft die Leviten gelesen, weil sie nach seiner Meinung allzu oft im selbstgebauten Elfenbeinturm eines elitären Anspruchs lebt, weit weg vom Publikum und erst recht vom Erfolg.
Bei Thomas Thieringer ist nichts zu spüren von Besserwisserei oder Überheblichkeit. Obwohl er auch das harte, das pointierte Urteil nicht scheut. Aber es ist eben begründet. Man nimmt es an, weil man es ernst nimmt, weil man sich daran produktiv stößt, weil man sich damit auseinandersetzen kann. Seine Kritik, dies meine Erfahrung, öffnet auch den Machern, die doch mit Herzblut am Stück hängen, es in- und auswendig kennen, neue Zugänge.
Seine Neugier, seine Lust am Rezensieren bringt etwas zurück – und macht damit das Sehen lebendig. Das gilt für die eigenen Stücke. Aber auch für die anderen, wenn man sich orientieren will über das, was die anderen machen.
So lese ich Kritik mit Gewinn, wenn ich etwas über das Medium, über die Nebenwege, über die Verbindungen erfahren will. Zu diesen Verbindungen gehört das Festival im schottischen Edinburgh: Darüber von einem Beobachter wie Thieringer zu lesen, das lohnt sich, weil man was über Ideen, über Strömungen, über Internationales erfährt, auf seine sehr kenntnisreiche Weise.
Seine wache Neugier ist auch in den Interviews zu spüren. Wer wissen wollte, wie es mit Edgar Reitz und seiner „Heimat“ steht, der war bei Thieringer an der besten Adresse.
Ob in der Süddeutschen, ob in epd medien, ob in der Frankfurter Rundschau: er hatte zum Glück auch immer die richtige Plattform.
Dass er hier bei Grimme als Juror seit fast drei Jahrzehnten geschätzt wird, das erscheint mir allzu selbstverständlich. Wer will schon auf ein derart fundiertes, genaues und lebendiges Urteil verzichten, auf die Erfahrung, auf die wichtigen Linien in die Programmvergangenheit?
Mein Dank und mein Kompliment, lieber Thomas Thieringer.
Und herzlichen Glückwunsch zum Ehrenpreis fürs Lebenswerk.


