43. ADOLF-GRIMME-PREIS 2007

Wettbewerb Fiktion

Adolf-Grimme-Preis
an

Daniel Speck (Buch)
Stefan Holtz
(Regie)
Florian David Fitz, Mandala Tayde
(stellv. für das Darstellerteam)

für

Meine verrückte türkische Hochzeit
(ProSieben)
Produktion: RatPack Filmproduktion

Begründung der Jury

Es kann auch anders, das deutsche Fernsehen. „Meine verrückte türkische Hochzeit“ räumt löblicherweise ein paar Dutzend Vorurteile aus, die Deutsche und Türken in Berlin-Kreuzberg und anderswo so hegen. Doch größer noch ist das Verdienst, endlich einmal gezeigt zu haben, dass eine deutsche romantic comedy tatsächlich romantisch sein kann. Und so witzig, voller Tempo, Komik und Klamauk, dass sie es mit ihren großen amerikanischen Kinovorbildern von „My Big Fat Greek Wedding“ über „High Fidelity“ bis „Notting Hill“ locker aufnehmen kann.

Mögen sich andere bemühen, kulturelle Klischees zu vermeiden: „Meine türkische Hochzeit“ kehrt sie lieber hervor, um sie vergnüglich – mal mit feiner Ironie, mal in derben Späßen – auf die Schippe zu nehmen. Drehbuchautor Daniel Speck erzählt in seinem wunderbaren Filmmärchen vom jungen Plattenhändler Götz (Florian David Fitz), der sich aus Liebe zur türkischen Jurastudentin Aylin (Mandala Tayde) den Gebräuchen der Familie des Import-Export-Unternehmers Süleyman unterwirft. Wie der deutsche Tagträumer aus der SO36-Subkultur alle Warnungen seines von Charly Hübner großartig gespielten Freundes Horst in den Wind schlägt („Das wird böse enden. Eine türkische Frau ist wie ein verpackte CD. Machst du sie auf, musst du sie kaufen“), wie er zum Islam übertritt, sich beschneiden lässt („ist doch nur ein Stück Haut“) und sein Geschäft zum Spottpreis einem Schwager verkauft, ist überaus amüsant erzählt und von Regisseur Stefan Holtz höchst unterhaltsam in Szene gesetzt. Eine solche Sorgfalt und Akribie findet der Zuschauer im Fernsehen sonst eher in aufwändigen zeitgeschichtlichen Mehrteilern.

Es stimmt einfach alles in diesem Feel-Good-Movie von ProSieben: Schnitt und Kamera sind ausgezeichnet, Ausstattung und Kostüme bestechen durch große Liebe zum Detail, selbst in den kleinsten Nebenrollen ist der Film hervorragend besetzt, und die exzellente Filmmusik („Come on Eileen“) treibt die Geschichte immer wieder voran. Überragend ist Schauspieler Hilmi Sözer als türkischer Patriarch Süleyman, nur auf den ersten Blick ein gestrenger Hüter der Traditionen, der am Ende in einem der schönsten Momente mit einem ironischen Seufzer beichtet: „Der eine Sohn ist Fundamentalist, der andere Homo und Tochter macht Skandal.“ Und das mit der Religion? „Machen wir doch nur für die anderen.“ Famos auch Katrin Saß als deutscher Widerpart und linksliberale Mittelschichtsmutter, die unter türkischer Kultur nichts anderes versteht als Kopftuchzwang, Zwangsehen und Ehrenmorde. Nur „wegen der Verwandtschaft“ hat sie ihren Sohn Götz einst taufen lassen, fühlt sich angesichts der moslemischen Eindringlinge nun aber zur Verteidigung westlicher Werte aufgerufen.

Autor Daniel Speck hat das türkische Idiom genau getroffen und die Kanaksprak um einige poetische Wortschöpfungen wie „Kriegsdienstvergeweigerung“ bereichert. Oder „Bildbestörung“. Davon würden wir gerne mehr sehen.