Viel mehr als Blödsinn

Foto: Claudia Jaquet / Adolf-Grimme-Institut

Editorial der Zeitschrift "grimme" zum 45. Adolf-Grimme-Preis

von Uwe Kammann

Alles Blödsinn: Schneidig-knurrig war er, der Alte unterm Kürzel MRR, auch hochfahrend ungerecht, als er eigene Leidensmomente in schnellem Kurzschluss einem ganzen Medium ankreidete. Einem Medium, das doch so weit und so verzweigt wie vielschichtig ist.
Als die 3sat-„Kulturzeit“ jetzt zur Leipziger Buchmesse dem Thema Fernsehen nachging, da sollte gleich die zweite Frage provozieren: Ist am Horizont ein Silberstreif zu sehen? Natürlich konnte die Antwort nur lauten:
Der Himmel über dem Fernsehen ist genauso bunt und sonnig und dann wieder voller dunkler Wolken und fieser Schauer wie über der gesamten Medienlandschaft.
Denn – auch dies gehörte zum kleinen Antwort-Kanon in der Diskussionsrunde–: Das Fernsehen gibt es eben gar nicht. Sondern ein schier unübersehbares Angebot, quer durch alle Themen, in allen Farben und Formen, in immer neuen Zusammenstellungen, mit ganz unterschiedlichen Adressaten.
Und mit ziemlich offener Zukunft. Denn neue Verteilmöglichkeiten, neue Plattformen lassen ganz andere Aggregatzustände als die gewohnten zu. Klar ist: Schon in mittelbaren Zeiten werden im Netz, dem Großmedium schlechthin, Inhalte aller Art kreisen. Auf Kongressen heißt das Content.
Aber genau um diese Inhalte geht es ja in der unverzichtbaren Qualitätsdebatte. Denn sie verlieren sich nicht einfach im weißen Rauschen des Unterschiedslosen, sondern sie haben jeweils etwas ganz Besonderes, etwas spezifisch Eigenes. Im ganzen Spektrum von belanglos und grottenschlecht bis relevant und herausragend gut.
Was bedenken nun Grimme-Juroren, von welchen Kriterien und Überlegungen lassen sie sich leiten, wenn sie befinden: modellhaft, vorbildlich für die Programmpraxis, preiswürdig, besser noch: grimme-preiswürdig?
Schnell lässt sich ein erster allgemeiner Arbeitsrahmen zimmern. Grimme steht für: Sorgfalt, für einen genauen Blick auf die Breite des Programms en gros und en detail, steht für Transparenz, in meinen Augen auch für liebevolle Zuwendung. Ein Fremdwort verbannen wir ins Archiv der Abschreckung: Dogma.
Und die Objekte unserer Liebe, unserer Beobachtung? Ach, jeder weiß: Wenn es doch einfacher wäre …
Ein schönes altes Kinderspiel beschwört den zweiten und dritten Blick: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Es ist ein Spiel mit der Vorstellungskraft.
Aus Hinweisen und Begriffen wird ein Bild – das wiederum seinen Ursprung in einem Ausschnitt der die Spieler umgebenden Wirklichkeit hat.
Was vermischt sich hier? Eigentlich gar nichts. Worum es geht, ist eigentlich nichts anderes, als etwas in Einklang zu bringen, was sich für zwei Individuen nicht auf den ersten Blick erschließt. Es geht um Entdeckungen, um Deutungen, um einkreisende Erzählungen. Und natürlich um Übereinkünfte – denn ohne sie blieben die räumlichen Seh-Abenteuer unverbunden.
Wer Filme macht, spielt vieltausend Mal dieses uralte und doch immer wieder neue Phantasiemuster nach. Wer Bilder herstellt, der konstruiert Blickwinkel, skizziert Beziehungsgeflechte, grundiert Verständnisflächen, entwirft Bezugspunkte, konturiert Verhältnisse, legt Spuren, lädt ein zu Traum-Sitzungen. Ganz gleich, um welche Bereiche es unter den Großaufklebern Fiktion oder Dokumentation geht.
Und der Beobachter: Er ist natürlich mit im Spiel – und sieht seine Bilder. So dass ein Kreis entsteht, sei es im Dialog, sei es im Selbstgespräch, sei es in kühler analytischer Betrachtung: Ich sehe, was nahe liegt. Und das, was unter der Oberfläche ist. Und darüber spreche, urteile, schreibe ich.
So dass der Macher hoffen kann, dass der andere, dass viele andere – sein Publikum – doch etwas gemeinsam sehen mit ihm. Und dass es folglich Mit-Reisende gibt auf diesen unendlich vielen Wegen der Welt- und Lebenserkundungen.
Es verschränken sich also, im steten Hin und Her, Gemeinsames und Individuelles bei diesem stets neuen Vorgang des Sehens und Entdeckens. Kein schöneres Wort gibt es für diesen Prozess als jenes von der Imagination – die ja nichts anderes bedeutet als die Fähigkeit, Dinge, Gedanken und Vorgänge zusammenzubringen und ins Bild zu setzen. Was für den Kritiker heißt, diese Imagination zu reflektieren.
Nichts anderes machen die Grimme-Juroren: mit dem Vorteil der gemeinsamen Refl exion, der kollektiven kritischen Spiegelung. Was im Gespräch zum Ertrag führt: Es werden Schnittmengen sichtbar und erfahrbar, kleinere und mittlere und manchmal beglückend große, bis zur vollständigen Übereinstimmung.
Wir haben gefunden, indem wir gesehen haben. Wir sind mit auf Rercherche-Reise gegangen, haben mit-verstehend Sachverhalte aufgedeckt, haben Geschehnissen ein Gesicht gegeben. Wir haben nachkomponiert, was den Film bestimmt hat: Geräusche, Töne, Sprache, Musik, Atem, Rhythmus.
Ein Gesamtkunstwerk – viel umfassender noch als es im Traum der Opernschöpfer angelegt war.
Gibt es Schöneres zu tun? Kaum. Gibt es Komplizierteres zu tun? Schon lange nicht. Denn so wie die Inszenierung, die Filmarbeit angewiesen ist auf Viele, auf die intentionale Verständigung von Körpern, Köpfen, Sinnen, so wie ein Dokumentarfilmer sich nicht im Ego-Kreis bewegt, genauso ist es auch in der Juryarbeit: Es geht darum, über die zusammengespannten Sinne nicht nur Anschauung zu erleben, sondern auch Sinn und Sinnlichkeit in begründeten Einklang zu bringen.
Die Wege dahin: so vielfältig wie das Leben. Aber keine Wege, die man nicht im einzelnen, am Beispiel, auch ausmessen und beschreiben könnte – um zu zeigen, wie neue Passagen trassiert und angelegt werden könnten, um zu neuen Phantasieorten zu gelangen, um neue Bild- und Gedanken-Räume zu erobern.
Aufklärung und Transparenz in Sachen Fernsehen, Anschauung und Urteilslust: Ja, darum geht es im Ganzen und im Einzelnen. Um ein Fernsehen, besser: um Fernseh-Stücke, die am Schluss nicht nur Grimme-Leute mögen. Sondern jeder, der sich mit Lust in der Medienlandschaft bewegt. Das ist viel verlangt. Aber nicht zuviel. Denn auch im Spannungsfeld von Gutenberg-Galaxis und Google-Universum können wir auf eines nicht verzichten:
beste Qualität.

Der Text "Medienräume - und Medienzeiten" von Uwe Kammann findet sich in der Zeitschrift "grimme" zum 44. Adolf-Grimme-Preis (erschienen Anfang April 2008). Gern schicken wir Ihnen ein kostenloses Exemplar zu - bitte nutzen Sie unser Bestellformular.

 

Mehr aus "grimme"

Der Grimme-Preis im Spiegel deutsch-deutscher Geschichte: "Damals in der DDR - und gleich daneben" von Ulrich Spies

Warum das Fernsehen deutsche Serien braucht: "Identität und Zuschauernähe" von Hans-Hinrich Koch

Thomas Thieringer im Interview mit Grimme-Preisträgerin Nessie Nesslauer zum Casting: "Da kann nicht jeder kommen..."