Pressemeldungen

28.01.13

Auslandsberichterstattung auf dem Weg zum Alleinstellungsmerkmal

20. Marler Tage der Medienkultur unterstreichen Rolle des Auslandsjournalismus / Dennoch Defizite in der Berichterstattung


 

(Marl) „Auslandsberichterstattung ist auf dem besten Wege, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Alleinstellungsmerkmal zu werden“, analysierte Michael Strempel, Fernseh-Auslandschef des Westdeutschen Rundfunks, bei den Marler Tagen der Medienkultur. Deshalb werde dieser Bereich im WDR bewusst von größeren Sparmaßnahmen ausgenommen. NDR-Hörfunk-Chefredakteurin Claudia Spiewak erklärte, beim NDR orientiere man sich an neuen Organisationsformen mit wirtschaftlichen Effekten. So würden einzelne Korrespondentenplätze in Gruppen integriert.

 

Unter dem Titel „So weit, so fremd, so nah, so...– Auslandsberichterstattung als Grundversorgung“ wurde bei der zweitägigen Konferenz im Grimme-Institut am 24. und 25. Januar 2013 unter vielfältigen Aspekten diskutiert, wie es in Deutschland um die Berichterstattung aus aller Welt bestellt ist und wie sie im multimedialen Umfeld künftig aussehen wird.

 

„Neue Einblicke, viele Sichtweisen, eine große Bandbreite der Argumente, ein intensives Ausleuchten der Praxis, der Problemfelder und der Perspektiven: Das hat unsere hochkarätig besetzte Tagung zur Auslandsberichterstattung ausgezeichnet“, resümiert Grimme-Direktor Uwe Kammann. „Damit wurden die Marler Tage, wie beabsichtigt, zum ebenso kritischen wie produktiven Forum bei einem Herzstück des Journalismus.“

 

Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, sieht die klassischen Auslandsformate wie den „Weltspiegel“ nicht in Gefahr. Doch trotz des Sendeplatzes in der Primetime leide das Magazin unter „miserablen Quoten“. Die Programmmacher müssten sich deshalb die Frage nach der Ausgestaltung des Formats gefallen lassen. Christian Gramsch, Multimedia-Direktor der Deutschen Welle, forderte, dass man dem Trend zu mehr Bewegtbild folgen müsse: „Das ist die Weltsprache des Jahrhunderts.“

 

Johannes Hano, ZDF-Korrespondent in Peking, widersprach in der Diskussion über journalistische Defizite der These von Grimme-Preisträger Hubert Seipel, dass es in der Auslandsberichterstattung einen Quotendruck gebe: „Derlei habe ich noch nie erlebt.“ Es sei auch illusionär, dass es bei dieser Form des Journalismus einen Zustand ohne Defizite gibt.

 

Bei der Berichterstattung über Ost-Europa bemängelten der Trimediale Chefredakteur des MDR, Stefan Raue, der polnische Fernsehjournalist und Moderator Marek Szkolnikowski sowie der Radiokorrespondent Marc Lehmann (DRS) ein generelles Defizit in der Aufmerksamkeit. Hier müsse man sich bemühen, einen Verständnisrahmen zu schaffen, der einen differenzierten Blick auf die Geschehnisse in den osteuropäischen Ländern erlaube, statt, wie es an vielen Stellen zu beobachten sei, Klischees und Vorurteile zu bedienen. Dem müsse ganz gezielt gegengesteuert werden.

 

Der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen, ist überzeugt, dass es „auch im Ressort Ausland eine Renaissance des Qualitätsjournalismus geben wird.“ Hierfür sollten alle Plattformen genutzt werden, die zur Verfügung stünden. Ziel müsse es sein, die Zersplitterung bei vielen Themen zu überwinden und Zusammenhänge zu vermitteln. NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz plädierte für eine gezielte Nutzung multimedialer und interaktiver Möglichkeiten. „Eine kompetente Beherrschung aller Ausspielkanäle ist notwendig, um die Attraktivität des Systems nicht zu verlieren.“ Vor einer Vermischung von journalistischer Berichterstattung und professioneller PR warnte Ulrich Tilgner, Korrespondent des Schweizer Fernsehens. Wesentlich sei die journalistische Qualität in Nachrichtensendungen.

 

Vier Werkstatteinblicke vermittelten Eindrücke vom Arbeitsalltag von Korrespondenten und Dokumentarfilmern. So sprach ARD-Korrespondentin Ariane Reimers über ihre Arbeitsbedingungen in China, während BR-Journalist Clemens Verenkotte von Schwierigkeiten im Umgang mit den Heimatredaktionen und den Untugenden des Radiojournalismus berichtete. Dokumentarfilmer Jakob Preuss machte deutlich, mit welchem Aufwand filmische Langzeitbeobachtungen verbunden sind. Claudia Buckenmaier warb als ehemalige ARD-Korrespondentin in Stockholm für mehr skandinavische Themen.

 

Journalisten-Legende Gerd Ruge kam im abendlichen Kamingespräch zum Urteil, dass er – „damals wie heute“ – mit der Vollständigkeit der Berichterstattung nicht zufrieden sei. Zudem werde in Deutschland meist in innenpolitischen Kategorien gedacht.

 

Die beiden 1LIVE-Journalisten Matthias Ehring und Jochen Schliemann stellten ihr multimediales Projekt „Route 2012“ als neue interaktive Option der Auslandsberichterstattung vor. Hierbei haben sie kurze Video-Interviews in den USA geführt und im Netz veröffentlicht.

 

Eine ausführliche Dokumentation der Marler Tage mit der Möglichkeit, das gesamte Programm als Audio-Podcast nachzuhören, gibt es unter:

www.grimme-institut.de/marlertage.

 

Die 20. Marler Tage der Medienkultur 2013 wurden gefördert und unterstützt vom Bayerischen Rundfunk, dem Mitteldeutschen Rundfunk, dem Norddeutschen Rundfunk sowie dem Westdeutschen Rundfunk.

 

 

 

Weitere Informationen:

 

Henning Severin

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Grimme-Institut

Telefon: 02365 9189-57

Telefax: 02365 9189-89

E-Mail: severin@grimme-institut.de