Zeit - Platz - Kompetenz
Aus der Praxis, aus dem Alltag: Erkenntnisse und Nöte Eindrücke der gleichnamigen Diskussion mit Gunnar Schupelius, Andreas Abs und Lothar Keller, 15. November 2006
von Jochen Voß
Auch wenn die Journalisten gerne auf die Politik eindreschen: Ihre Probleme mit der Gesundheitsreform haben sie auch. So geben die Journalisten der Diskussionsrunde "Zeit - Platz - Kompetenz: Aus der Praxis aus dem Alltag" freimütig zu, das Reformprojekt in all seinen Ausprägungen auch nicht in allen Facetten erfasst zu haben. Das wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus. "Wenn man den Gesetzesentwurf sieht mit all seinen 500 Seiten, sieht man gleich, dass das kaum noch vermittelbar ist", sagt Andreas Abs, Korrespondent der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ).
Doch das Detail-Wissen sei in diesem Fall für die Darstellung auch nicht wirklich nötig. Es gehe hier darum, die Auswirkungen des Vorhabens zu verstehen und zu vermitteln. So komplex seien die Themen geworden, dass sich bis auf ein paar Experten - die dann meist auch noch bereits auf eine bestimmte Seite festgelegt seien - niemand mehr auskenne, beklagt RTL-Redakteur Keller. "Das ist nicht nur ein Problem für die Journalisten, sondern auch für die Demokratie, denn alle müssen bei der Wahl darüber entscheiden", sagt er. Auch Gunnar Schupelius, Chefreporter der B.Z. bei lehnt eine detailverliebte Darstellung ab. Es gehe bei der Berichterstattung für breite Bevölkerungsschichten darum, den Menschen mitzuteilen, wie sich die Politik auf ihr Leben auswirke.
Neben der Darstellung der Folgen der Reform sei es aber auch die Aufgabe der Presse, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, erklärt Schupelis. Zu weilen erfinde die Politik Begriffe, die die wahren Zusammenhänge verschleierten und von den eigentlichen Problemen ablenkten, sagt Schupelius. So hieße doch die viel diskutierte "Rente mit 67" bei einer tatsächlich immer kürzer werdenden Lebensarbeitszeit - denn wer erreiche in seinem Berufsleben schon tatsächlich das Rentenalter? - doch letztlich nichts anderes als einer Kürzung der Altersbezüge. "Da fühle ich mich als Journalist berufen, das herauszuarbeiten", lautet Schupelius Konsequenz. Zwar arbeiteten auch Journalisten mit der begrifflichen Zuspitzung, allerdings täten sie dies aus einer gegenteiligen Intention: Sie wollten aufklären anstatt zu verschleiern, so der Boulevard-Journalist. Als politsche Akteure allerdings will RTL-Mann Keller die Medien jedoch nicht verstanden wissen. Triebe man immer nur alle vor sich her, hätte man keine Zeit mehr für andere Dinge, so Keller.
Da kann das Thema noch so trocken sein: Eine große Schwierigkeit sehen Schupelius und Keller bei der Aufbereitung politisch komplexer Themen auch darin, den Unterhaltungswert für Zuschauer und Leser aufrecht zu erhalten. "Unterhaltung heißt ja nicht, dass man lacht. Unterhaltung heißt, dass man gerne hinguckt", stellt Keller klar. Ein wichtiges Element seien hier Personalisierung und Emotionalisierung. Hier sieht Keller die Medienangebote auch in einem gewissen wirtschaftlichen Zugzwang, da Medien - insbesondere das Fernsehen - sich über Emotionen verkauften.
In der Tat solle man als Journalist die Prozesshaftigkeit einer Reform anerkennen, sagt Schupelius. Dann allerdings fehle dem Thema allerdings zuweilen auch die rechte Relevanz für die Berichterstattung. "Wenn sich da keine neue Dramaturgie ergibt, brauche ich das Thema nicht", sagt Schupelius. So gibt das Thema - bei aller Bedeutsamkeit - nicht immer etwas berichtenswertes her. Da wird schon mal mit Emotionen gearbeitet. So hätten sich auch in der Berichterstattung manche Vorgehensweisen verselbstständigt, gibt Schupelius zu. Eine Meinungsverschiedenheit, die im demokratischen Prozess nicht nur normal, sondern geradezu angelegt ist, werde da schnell als handfester Streit verkauft. Eine kontinuierliche Berichterstattung über einen Prozess, der keine neue Sachlage mit sich bringt, lehnen die Beteiligten aber ab. "Weil es zum Verständnis nichts beiträgt", sagt Keller. Die WAZ befinde sich als Abonnement-Zeitung, die sich nicht jeden Tag aufs Neue am Kiosk behaupten müsse, gar in der angenehmen Situation, nicht auf jeden Zug der gängigen Berichterstattung aufspringen zu müssen. So könne das Blatt durchaus auch eigene Akzente setzen. Dabei gehe man auch verstärkt auf die Resonanz ein, die die Redaktion aus der Leserschaft erhalte, erklärt Abs.
Im derzeitigen Verständigungsproblem zwischen dem Staat und seinen Bürgern sehen die Diskutanten durchaus auch eine Gefahr für die Demokratie aufkeimen. Weil die Politik sich nicht verständlich machen könne, wachse auch die Nachfrage nach Populismus, stellt Schupelius fest. "Wir müssen an die im Bundestag, die das produzieren, appelieren, dass sie sich mal verständlicher ausdrücken", so seine Forderung.
Auch zu den Klagen der Politiker, stets auf verbindliche Aussagen festgenagelt zu werden, wo sie keine geben könnten, geht der Parlamentsreporter selbstkritisch ein. Ihm sei durchaus bewusst, dass Politiker bei derlei Fragen auswichen, da sie wüssten, dass man sie bei einer Entgleisung an den Baum nagelt. "Daran sind wir Journalisten mit Schuld. Wir verlangen, dass Politiker Heilige sind. Das können sie nicht sein", sagt Schupelius.
Dieser Text fasst die Diskussionsrunde "Zeit - Platz - Kompetenz. Aus der Praxis, aus dem Alltag: Erkenntnisse und Nöte" mit Gunnar Schupelius, BZ, Andreas Abs, WAZ, und Lothar Keller, RTL, zusammen (Veranstaltung "Sozialpolitische Reformen, mediale Vermittlung und öffentliche Akzeptanz: Zu komplex? Zu schwierig?" der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Adolf-Grimme-Institut, 15. November 2006). Es gilt das gesprochene Wort.
