Polizeiruf 110 "Kleine Frau"

Inhalt: 

Es sollte eigentlich ein fröhliches Klassentreffen werden. Das erste nach elf Jahren. Doch das Fest in der brandenburgischen Provinz endet für Kommissarin Johanna Herz mit einer privaten Katastrophe. Denn am Ende dieses Abends steht ein neuer Mordfall, den die Polizistin zu bearbeiten hat. Ihre ehemalige Schulfreundin Lisa soll ihren Sohn Dirk erschlagen haben. Lisa legt ein Geständnis ab, doch Johanna Herz hat ihre Zweifel. Lisa hatte ihren Sohn doch nahezu vergöttert: Hätte sie ihn denn dann töten können? "Ich lass es nicht zu, dass du dein Leben versaust!", versucht sie Lisa zu überzeugen, die Wahrheit zu erzählen, doch die bleibt bei ihrer Aussage und kommt in Haft. Johanna Herz muss nun im Privatleben ihrer eigenen Schulkameraden ermitteln und stößt auf Ablehnung und Anfeindungen. Sie muss erkennen, dass sie längst nicht mehr als "eine von ihnen" gesehen wird. Die Freunde von einst sind gefangen in ihrem eigenen Alltag, mit dem sie sich einerseits arrangiert haben und aus dem sie andererseits sehnlichst auszubrechen wünschen. Nach der Wende haben viele von ihnen vergebliche Versuche hinter sich, es zu etwas
zu bringen. So auch Dirk, der sich ein anderes Leben fernab von der provinziellen Aussichtslosigkeit vorgestellt hatte. Sein Ziel verfolgte er offenbar ohne Rücksicht auf Verluste. Erst kurz vor seinem Tod hatte er im American Diner seines Onkels Geld unterschlagen und die Kündigung bekommen.
 

Begründung der Jury: 

"Kleine Frau" zeichnet ein sozial genaues und berührendes Bild von alleinstehenden Müttern, die finanziell kaum über die Runden kommen und alles in ihre Kinder stecken, bis zur Selbstaufgabe, damit sie nicht hinter Kindern besser betuchter Eltern zurückstehen. Ein ebenso menschliches wie aussichtsloses Unterfangen. An einem Extremfall - dem Totschlag eines Jungen, der seiner Freundin mehr bieten will als er kann und deshalb zum Dieb wird -, schildern Jungautor Stefan Rogall (in seinem ersten Drehbuch für den "Polizeiruf") und der krimierfahrene Regisseur Andreas Kleinert einen tragischen Kriminalfall, der sich zur Gesellschaftskritik weitet.
Die Mutter des Jungen, mit karger und großer Verzweiflung von Johanna Gastdorf gespielt, bezichtigt sich des Totschlags an ihrem Sohn. Hauptkommissarin Johanna Herz, einfühlsam und emotional stärker agierend als gewohnt, glaubt ihr kein Wort. Auch dem Zuschauer wird klar, dass die Mutter jemanden deckt. Aber wen und warum? Dem Autor und dem Regisseur, auch dem hervorragenden Kameramann Thomas Plenert - der mit Großaufnahmen der Protagonisten und den trostlosen,
sachlich ins Bild gesetzten Brandenburger Plattenbauten eine Atmosphäre von Trauer, Nachdenklichkeit und Hoffnungslosigkeit schafft - geht es nicht um eine äußere Spannung. Sie vermitteln ein Gefühl der Solidarität für diese schwer gebeutelten Frauen, von denen unbedingt noch Steffi Kühnert und Pamela Knaack zu nennen sind. Diese scheinbar "kleinen" Frauen sind, auch im Scheitern, große und starke Charaktere, das Salz der Erde. Was in ihnen an Lebenslust und Tatendrang steckt, zeigt der Film in ausgelassenen Tanzszenen, als sich die Mütter auf einem Klassentreffen für einige Momente des Glücks in die Sehnsüchte ihrer Jugend verlieren. Andreas Kleinert lässt den Film nie in Tristesse versinken, obwohl er sie an keiner Stelle leugnet. Ein kleines Kabinettstück an feinem Humor
und herrlicher Unbeholfenheit liefert der Schauspieler Horst Krause als Wachtmeister Krause ab, als er im dienstlichen Auftrag fast im Bett der jungen Frisöse Svenja landet, die vom Leben in einer nebulösen Freiheit träumt, unbedingt aus der Provinz heraus will und sich das nötige Kleingeld im Gunstgewerbe beschafft. "Kleine Frau" gehört zu den herausragenden Filmen der "Polizeiruf"-Reihe. Er verbindet auf eindringliche Weise Krimi, Kunst und Kritik an der Gesellschaft. Er spielt nicht im viel zu häufig zu sehenden Milieu der Reichen und Schönen, sondern dort, wo die meisten Menschen leben: in einem schweren - hier realistisch wiedergegebenen - Alltag.