Vom Ordnen der Dinge (ZDF/ARTE)

Grimme-Preis


an
Jörg Haaßengier (Buch/Regie)
Jürgen Brügger (Buch/Regie)

Produktion: filmtank
Erstausstrahlung: Montag, 26.10.2015, 23:50 Uhr, Arte
Sendelänge: 81’

Stab

Buch/Regie: Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier
Kamera: Sven O. Hill
Schnitt: Gesa Marten
Komposition/Musik: Pit Przygodda
Ton: Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier
Sounddesign: Nani Schumann
Mischung: Hendrik Knoch
Produktionsleitung: Jan-Peter Heusermann
Produktionsassistenz: Wolfgang Kerber, Julia Cöllen
Produzent: Thomas Tielsch
Redaktion: Doris Hepp (ZDF/Arte)


Inhalt:

Ein Film, der „Vom Ordnen der Dinge" erzählen will, tut sich mit einem roten Faden nicht schwer. Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier stellen Menschen vor, deren Leben ohne das Ordnen kaum mehr denkbar wäre. Sie zählen und beziffern, vermessen und erfassen. Manche voller Leidenschaft, pausenlos, andere zumindest bis Dienstschluss auf die unterschiedlichsten Arten, in den unterschiedlichsten Welten. Das Personal – ein ausgewählter Querschnitt der deutschen Gegenwart – reicht vom Pensionär, dem noch die Müllsammelei des Wanderclubs seine akribische Statistik wert ist, bis zu jenen selbst in der kleinsten Waldlichtung ihre hochamtliche Präzisionsarbeit verrichtenden Geodäten. Brügger und Haaßengier blicken auf Käferspießende, auf Kranke, die Hoffnung verbinden mit der unentwegten Messung ihrer selbst, auf technikgläubige Berufssortierer, aber auch auf Mutmaßungsjongleure, denen Schildkrötenrücken das Wesen und das Bestreben der Welt nach Ordnung zeigen.„Vom Ordnen der Dinge“ überlässt es dem Zuschauer zu entscheiden, in wessen Händen die Ordnung dieser Welt eigentlich liegt. Und ob ihrer denn Herr wird, wer sie derart hingebungsvoll hält wie jene Menschen, die er uns vorstellt.


Begründung der Jury:

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen?" Schon an der Wiege wurde uns gesungen, dass selbst der liebe Gott ein Freund der Erhebung ist. Und es eifern ihm diejenigen Menschen nach, zu denen Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier eine unaufdringliche Nähe gefunden haben.
Denn ist „Vom Ordnen der Dinge“ nicht selbst eine (von Sven O. Hill bestechend fotografierte) Botanisiertrommel, in der es vor Sehnsucht nach Sortierung wimmelt? Eine Menagerie, die die Grenzen ohne garstigen Vorsatz immer mehr schwinden lässt zwischen dem, was lachhaft penibel scheint – und jenem, was einer Ordnungsmacht zusteht? Denn Ordnung muss doch sein.
Wir sehen: Hier die Zwanghaften mit der Liebe zur Hängeregistratur, dort die Staatstragenden, für die ein Sandkorn das Zeug hat, Landesvermessungsdienste ernsthaft ins Wanken zu bringen. Es ist die listige Leistung dieses Films, dass er aber viel mehr ist als die Addition kleinkarierter Käuze und hochmögender Koryphäen. Je mehr seine Helden, die Wissenschaftler zumal, uns selbstsicher berichten von der Notwendigkeit der Klassifikation, der Kategorisierung und Kontrolle, desto stärker steigt in uns das mulmige Gefühl auf, es auch hier mit kaum mehr als hilflosen Uferlosigkeiten zu tun zu haben, um sich die Erde untertan zu machen.Souverän kreisen die Filmemacher um Versuche, solcher Haltlosigkeit zu entrinnen. „Es schwankt“, sagt der anhaltinische Landvermesser über sein Terrain – und seufzt. Wenn dieser gestandene Mann von seinem Wunsch nach einem Messpunkt außerhalb der Erde spricht, lassen sich die tönernen Füße unserer Weltordnung mit Händen greifen.Oft sind die Bilder, die Brügger und Haaßengier für ihr Thema finden, bizarre Spiegel unserer Sisyphos-Systeme. Ob die Kamera über hunderte Käferrücken schwebt, ob sie ein Meer von Strandkorbnummern fixiert oder die neue deutsche Städteplanung: „Vom Ordnen der Dinge“ ist gar kein Film über Dinge. Er ist trotz aller Vorsicht und Distanz der vielgesichtige Einblick in eine zutiefst menschliche Sehnsucht: die Welt und sich selbst zu erfassen, zu beherrschen, zu begreifen. „Vom Ordnen der Dinge“ erzählt dies weder gehässig noch zynisch. Und doch lässt der Film uns zurück mit der Sicherheit, dass selbst eine Million nummerierter Bakterien nicht einmal ein Quäntchen Trost sind. Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier ist ein leises, fast verzweifelt heiteres Werk über eine große Frage der Menschheit gelungen. Und wäre die Wendung nicht schon an eine Seifenoper vergeben… wie dieser Film im Kleinen ein großes Thema erkundet, das könnte auch sehr verdienstvoll heißen: Alles, was zählt!