Patong Girl (ZDF)

Grimme-Preis


an
Susanna Salonen (Buch/Regie)
Gunter Hanfgarn (Produktion)
Andrea Ufer (Produktion)
Max Mauff (Darstellung)
Aisawanya Areyawattana (Darstellung)

Produktion: Hanfgarn & Ufer Filmproduktion
Erstausstrahlung: Dienstag, 28.12.2015, 0:05 Uhr, ZDF
Sendelänge: 89’

Stab

Buch/Regie: Susanna Salonen
Kamera: Yoliswa von Dallwitz
Schnitt: Bettina Böhler
Musik: Sa Ding Ding, Elen Wendt
Ton: Ulla Kösterke
Darsteller: Max Mauff,  Aisawanya Areyawattana, Victoria Trauttmansdorff, Uwe Preuss u.v.a.
Redaktion: Burkhard Althoff (ZDF)


Inhalt:

 

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre Familie Schröder nicht weit gekommen. Vor einem Alpenpanorama mit Kühen und schneebedeckten Bergen sitzt die vierköpfige Familie und bereitet sich auf Weihnachten vor. Nur dass sie nicht in Österreich, sondern auf der thailändischen Ferieninsel Phuket urlaubt. Wegen eines Buchungsfehlers sind sie nicht im Sterne-Hotel, sondern in einer billigen Absteige mitten im Touristenhort Patong gelandet. Der 18-jährige Sohn Felix lernt an einer Bar die Thailänderin Fai kennen und verliebt sich. Sie verbringen romantische Tage und Nächte in den Straßen von Patong. Felix' Eltern sind weniger begeistert. Für sie ist klar: Fai ist eine Prostituierte und will nur ihr Geld. Aber Felix hält zu ihr. Als der Urlaub zu Ende geht, entscheidet sich Felix spontan in Thailand zu bleiben und steigt mit Fai in den Bus in ihre Heimat. Seine Mutter reist den beiden hinterher. Fai ist total überrumpelt von Felix' Entscheidung. Sie zeigt Felix ihren Ausweis, auf dem steht, dass sie männlich sei. Fai ist ein „Lady Boy“, ein biologischer Mann, dessen Geschlechtsteile zu weiblichen umoperiert wurden. Felix vergibt Fai die Lüge. In der Nacht, am Strand, schmieden sie große Pläne für ihre gemeinsame Zukunft. 

Begründung der Jury:

Es gäbe so viele Fallen in diesem Film, so viele Szenen, die in rassistische, transfeindliche oder homophobe Klischees abgleiten könnten. Die Regisseurin und Autorin Susanna Salonen hätte das Thema „Transsexualität“ voyeuristisch aufziehen können, mit Schmuddelporno und Travestie-Glitzer – so, wie es schon oft gezeigt wurde. Zum Glück tut sie das nicht.
Stattdessen erzählt sie sensibel die Geschichte des deutschen Teenagers Felix, der sich in die thailändische Fai verliebt. Fai ist ein „Ladyboy“: geboren als biologischer Mann und zur Frau umoperiert. Felix erfährt davon erst spät, verzeiht Fai ihre Lüge aber schnell. Als Zuschauer ist man erst einmal irritiert: Müsste Fais Transsexualität nicht ein viel größeres Thema sein? Will ich nicht mehr wissen, über ihr Leben, ihren Körper, ihre Sexualität? All das erzählt Salonen,
wenn überhaupt, nur beiläufig. Fais Transsexualität wird nicht aufgeblasen. Sie ist einfach da, als Fakt. Das liegt auch an Aisawanya Areyawattana, die selbst ein Ladyboy ist und die Fai kühl und unaufgeregt spielt. Und wenn Felix schließlich Fais Geschlechtsidentität ohne großen Widerspruch akzeptiert, beweist er damit jene Offenheit, die im öffentlichen Umgang mit dem Thema oft fehlt.
Aber natürlich sind auch Salonens Hauptfiguren nicht frei von Vorurteilen. Mit subtilem Witz und charmanten Dialogen entlarvt die Regisseurin ihre Protagonisten. Salonen selbst hat in den vergangenen Jahren immer wieder für mehrere Monate in Thailand gelebt. „Patong Girl“ ist ihr erster Spielfilm, der dazu auch noch mit einem sehr kleinen Budget entstanden ist. Eigentlich ist Salonen Dokumentarfilmerin. Auch daher rührt die große Authentizität des Films. In Vorbereitung auf den Dreh hat sie mit Ladyboys gesprochen und in den Bars von Patong recherchiert. So kommt es, dass viele Szenen im Film, sei es in den Straßen von Patong, unter den Ladyboys oder auf der Busfahrt in den Norden des Landes, dokumentarischen Charakter haben. Wenn in einer Barszene alleinstehende europäische Männer um die 50 bestens Bescheid wissen über Prostituierte und Ladyboys, dann schwingt in der Szene weder Vorwurf noch Mitleid mit. Sextourismus in Thailand ist schon viel schriller erzählt worden.
Und trotzdem ist Salonens Film keine „love conquers all“ – Geschichte. Salonen belehrt nicht, sie hängt kein „Liebe geht über Grenzen“ über den Film, auch wenn er am Strand, unterm Sternenhimmel endet. Für diese kitsch- und klischeefreie Liebesgeschichte erhält das Team den Grimme-Preis.