Die Kinder von Aleppo (ZDF/ ARTE/ Channel 4)

Preisträger

Marcel Mettelsiefen (Buch/Regie/Kamera)

Inhalt

Syrien, Aleppo, Sommer 2013. Mehr als 11.000 Kinder sind im Bürgerkrieg zwischen dem Assad-Regime und der Rebellenarmee getötet worden, mehr als eine Million befinden sich auf der Flucht. In der zerstörten Stadt ist es zur militärischen Patt-Situation gekommen. Raketeneinschläge, Panzergeschosse und Scharfschützen bestimmen auch den Alltag der Kinder.
Fast zwei Dutzend Mal ist Filmemacher Marcel Mettelsiefen für seine Reportage in die syrische Stadt gereist. In „Die Kinder von Aleppo“ begleitet er das Leben der Familie des Rebellenkommandanten Abu Ali Al-Saliba. Hundert Meter von der Frontlinie entfernt bewohnen Farah, 5, Sara, 8, Helen, 13, und ihr Bruder Mohammed, 14, in einem kriegsversehrten Haus nun die Wohnung Geflohener. Ein Alltag zwischen fürsorglichen Männern, die zum Angreifen nach nebenan gehen wie andere zur Arbeit, in einer Familie, in denen Mutter und Vater zivilgesellschaftliche Werte in Ehren zu halten suchen.
Die Kinder, die in zerstörten Häusern auf Entdeckungsreise gehen und Wiederaufbau spielen, leben ein höchst gefährliches, gleichzeitig behütetes Leben. Freimütig, ausgelassen geradezu, lassen sie Mettelsiefen an ihrem Zeitvertreib, an ihren Wünschen und (Alb-)Träumen teilhaben. Aboude, 12, dagegen wirkt wie vor der Zeit gealtert. Als Vorsänger bei Demonstrationen hat es der Junge zu lokalem Ruhm gebracht. In Worten und Körpersprache aber ist zu sehen, dass er stets mit dem Schlimmsten rechnet. Seit der IS auf dem Vormarsch ist, spielt sich auch für die Kinder von Aleppo das Kriegsgeschehen an zwei Fronten ab. Entführung, Folter und Tod sind allgegenwärtig.

Stabliste

Buch: Marcel Mettelsiefen, Anthony Wonke
Regie: Marcel Mettelsiefen
Schnitt: Stephen Ellis, Matthias Heep
Ton: Marcel Mettelsiefen
Produktion: Channel 4 / ZDF / ARTE
Redaktion: Diana Zimmermann (ZDF), Fréderic Ulferts (ZDF)
Erstausstrahlung: Mittwoch, 26.03.2014, 0.45 Uhr, ZDF
Sendelänge: 43 min.

 

Begründung der Jury

Fünfundvierzig Minuten Auslandsberichterstattung im Formatfernsehen? Solche Beiträge, um es vorsichtig auszudrücken, ähneln sich für gewöhnlich. Gut, wenn der Filmemacher nah dran ist, noch besser, wenn er seine Geschichte am individuellen Schicksal entlang recht anschaulich berichten kann. Eine wichtige, aber dennoch Korrespondentenroutine.
„Die Kinder von Aleppo“ fällt aus dieser Routine heraus. Es ist ein besonderes Stück mit hohem Wiedererkennungswert nicht nur in der Bildsprache. Ein im doppelten Wortsinn eindrucksvoller Film, der ohne jede Hektik der Kamera oder Dramaturgie mit großer Sorgfalt und ungeheuer dicht erzählten Szenen aus dem Alltag des Bürgerkriegs in Syrien zeigt. Das Leben der Kinder des Kommandanten Abu Ali Al-Saliba steht im Mittelpunkt; ihre Beobachtungen und Erzählungen, ihre Weltsicht und Haltungen nehmen den breitesten Raum ein. Es ist ein irres Leben, das sie unmittelbar hinter der Frontlinie führen (müssen). Gelegentlich wirkt der Kontrast zwischen der Berufstätigkeit der Männer (Bomben im Hinterhof bauen und wenige Meter entfernt auf den Gegner abschießen), ihren politischen Kommentaren zur Lage der Revolution und dem Familienleben wie absurdes Theater.
Auf außerordentlich facettenreiche Weise bringt „Die Kinder von Aleppo“ die Sicht der Kinder ins Spiel. Lebhaft, auf den ersten Blick kaum traumatisiert, schildern sie, ergänzt durch den zwölfjährigen Demonstrationssänger Aboude, was sie bewegt. Naivität und Abgeklärtheit bilden dabei einen ganz eigenen Kosmos. Die Vergnügungen des vierzehnjährigen Mohammed aber haben alle mit Krieg zu tun. Kindliche Gegner malträtieren einander mit unter Strom gesetzten Tackern, damit die „Gefangenen“ ihre Pläne verraten. Die Jüngste erzählt in farbiger Anschaulichkeit, wie sie zum ersten Mal einen gespaltenen Kopf sah. Die Eltern sprechen erstaunlich offen über ihre langjährigen Mühen, Kinder zu bekommen und über das Drama, sie nun wissentlich der Todesgefahr auszusetzen.
Das Vertrauen, das Mettelsiefen von seinen Gesprächspartnern entgegengebracht wird, teilt sich dem Betrachter mit, wird vom Filmemacher aber an keiner Stelle ausgenutzt. Ja, er ist ganz nah dran. Aber er gibt gleichzeitig den Raum, die Zeit und die Bilder so, dass sie wie von selbst und unmittelbar anfangen zu erzählen. Ein Film, mit dem man nicht schnell abschließen kann – und das Gegenteil von nachrichtentelegener Informationsroutine.