Lebt wohl, Genossen / Jurybegründung

Es gibt Kapitel im Buch der Geschichte, die möchte man lieber nicht mehr aufschlagen. So geht es dem Mann, der den Sozialismus erlebt hat. Er war stolz auf ihn, er hat ihn geliebt, er hat ihn verflucht und oft genug über seine großen und kleinen Helden gelacht. Nun ist „der großartigste Gedanke aller Zeiten nach dem Christentum“ am Ende. Und der Mann will schweigen. Aber eine Nachgeborene, ausgerechnet seine Tochter, lässt ihn nicht.

So beginnt „Lebt wohl Genossen!“. So zieht das Filmpanorama uns in seinen Bann: neugierig, fordernd und unvoreingenommen einerseits – aber auch abgeklärt, wissend, wehmütig.

„Lebt wohl Genossen!“ ist ein kunstvoller vielgesichtiger filmischer Countdown. Er beginnt auf dem Gipfel kommunistischer Systeme 1975 und zählt mit seinen Zuschauern Jahr um Jahr herunter bis zu den Tagen von Auflösung und Bedeutungslosigkeit. Es ist ein wilder Wirbel aus Mangelwirtschaft und Meinungsfreiheit, aus kleinem Glück und großen Opfern. In ihrem üppigen, auf sehr diskrete Weise schillernden Panorama erzählen die Macher, allen voran Andrei Nekrasov und György Dalos, wie kommen konnte, was nicht kommen durfte.

Ihre Aufarbeitung geht Wege abseits gängiger „History“-Dokus. Nicht visueller und akustischer Pomp, nicht suggestive Thesen regieren dieses preiswürdige Format, sondern eine unkonventionelle Bildsprache, die das Schablonenhafte alter Ost-West-Fehden bisweilen sogar comic-haft parodiert.

Und nicht Historiker oder die übliche Riege der elder Statesmen sind ihre wichtigsten Zeugen. Von der Tragik, dass eine Utopie nicht Staatsform sein kann, lässt Andrei Nekrasov vor allem Menschen aus der zweiten Reihe erzählen. Und so sind nicht die von Filmemachern bis zur Erschöpfung ausgebeuteten Bilder der Mächtigen sein Kapital, sondern stille, weise, einsichtige oder unversöhnte Menschen: Redenschreiber, Bergarbeiter, Sänger, kleine Funktionäre. Sie lassen uns Zuschauer nichts vermissen - das Drama nicht und nicht die Anekdote.

„Lebt wohl, Genossen!“ ist keine kaltherzig-schadenfrohe Abrechnung, aber auch keine knallige Wundertüte putziger Ostalgie. So gerät diese fein verästelte Spurensuche nach einem Ideal und seiner Wirklichkeit nie in die Sackgasse ideologischer Rechthaberei.

Wie gut Fernsehen ist, wenn es zuhört und hinschaut, wenn es sich Zeit nimmt und sich Zeit lässt, das zeigen diese 300 spannenden und überraschend kurzen Minuten über eine untergegangene Welt. Ein Lehrstück im besten Sinne.