Der Turm / Jurybegründung

Auf fast 1000 Seiten lässt Uwe Tellkamp im Roman „Der Turm“ die Welt einer Dresdner Bildungsbürgerfamilie in den letzten DDR-Jahren entstehen. Wie soll man davon in 180 Fernsehminuten erzählen, ohne Details unverhältnismäßig zu betonen oder die Geschichte grob zu vereinfachen? Dem Zweiteiler aus der Teamworx-Werkstatt gelingt der Drahtseilakt zwischen Opulenz und Verdichtung. „Der Turm“ ist eines der seltenen Beispiele einer optimalen Literaturverfilmung.

Drehbuchautor Thomas Kirchner legt den inneren Kern der Romanvorlage frei: Anpassung und Aufbegehren, Liebe und Unterwerfung - hier kämpfen Mütter und Kinder, Onkel und Neffen um ihre Status im Schatten eines autoritären, eines sterbenden Staates. Eine Familie im permanenten Stellungskrieg. Doch Regisseur Christian Schwochow inszeniert dieses Requiem für ein Land und für eine Familie nicht etwa als düsteres Endzeitstück, sondern als Drama der Widersprüche und Reibungen: Hier das große, ausgelassene Weihnachtsfest, das die Familie vereint, dort die große Lebenslüge des notorisch unehrlichen Vaters. Hier die kleinen fröhlichen subversiven Attacken gegen den „realen Sozialismus“, dort der erbarmungslose Überwachungsapparat der Staatssicherheit.

In sorgsam austarierten, detailgenauen Bildern gelingt es Schwochow, diese Paradoxien aufzuzeigen, ohne sie wohlfeil aufzulösen. Konnte man in einem Unrechtsstaat rechtschaffen glücklich sein? Natürlich! Selbst wenn man im nächsten Moment an ihm zu zerbrechen drohte. Der offensiv sinnenfreudige Zweiteiler befreit das Genre DDR-Drama von seiner didaktischen Schwere - und zeigt doch immer wieder präzise, wie die Protagonisten im Überwachungsstaat ihrer Identität beraubt werden.


Das Ensemble der Schauspieler setzt dieses Spiel mit den Ambivalenzen feinnervig um: Götz Schubert verkörpert als Lektor zwischen Linientreue und Widerstand grandios den zaudernden Geistesmenschen. Sebastian Urzendowsky bekämpft als Heranwachsender mit trotziger Disziplin die in ihm schlummernde Unruhe und Lust. Claudia Michelsen geht als Mutter erst gegen ihren Mann und dann gegen das System in den Widerstand.

Schließlich ist natürlich Jan Josef Liefers zu nennen als charismatischer Patriarch, der meint, seine Liebenden und sein Refugium zu schützen, während er beides doch mit seinem Selbstbetrug nur in den Abgrund zu reißen droht. Ein Mann wie die DDR selbst: eine einzige Lüge.

Große Zeitgeschichte in Fernsehbildern: der Todeskampf eines untergehenden Staates, verdichtet im Kosmos einer Familie.