"Fanatiker des Live"
Im Grimme-Institut wurde am 31. Januar 2012 der Bert-Donnepp-Preis – Deutscher Preis für Medienpublizistik verliehen. Ausgezeichnet wurde die Medienredaktion des Deutschlandfunks mit Andreas Stopp, Brigitte Baetz, Bettina Köster und Bettina Schmieding. Eine Besondere Ehrung sprach die Jury dem Verleger und Journalisten Jakob Augstein zu.
“Wo andere an der Oberfläche kratzen, zielen sie auf den tieferen Erkenntnisgewinn. Anstatt die gängige Medien-PR-Sprache zu duplizieren, suchen sie die eigentliche Nachricht hinter der Selbstdarstellung”, lobt die Jury in ihrer Begründung. Auch die Tatsache, dass das Programm nach 18 Jahren immer noch von großer Offenheit und Neugier allen Themen gegenüber geprägt sei, spreche für die Qualität der Redaktion.
Andreas Stopp, Brigitte Baetz, Bettina Köster und Bettina Schmieding seien zusammen mit ihren Kollegen eine “Oase des Wortes in einer Wüste der Worthülsen”, so Laudator Manfred Erdenberger, der selbst lange Jahre als Hörfunkjournalist beim WDR gearbeitet hat. Überhaupt: “Das Gesamtprogramm des Senders ist eine sprudelnde Quelle der Kompetenz, dessen Stimme selbst bei kritischen Geistern bundesweit hörbar ist.”
Andreas Stopp, der stellvertretend für die Medienredaktion sprach, freute sich besonders über die Auszeichnung, weil Medienjournalisten eher selten geehrt würden. “Ein bisschen ist es bei einer Mediensendung wie bei David gegen Goliath”, so Stopp. Die Sendung "Markt und Medien" habe neben einen gewollten “Chronisteneffekt” die Aufgabe, die richtigen Fragen zu stellen und auf Antworten zu bestehen. Er und seine Kolleginnen Baetz, Köster und Schmieding teilten besonders eine Eigenschaft: “Wir sind alle Fanatiker des Live. Wir würden nie eine Sendung vorab aufzeichnen.”
Der Verleger und Journalist Jakob Augstein (“der Freitag”) erhielt eine Besondere Ehrung der Jury. Er habe Pioniergeist bewiesen “und wurde in der publizistischen Landschaft Deutschlands zu einem Medien-Architekt, indem er ein neues Blatt entwarf, ein 'Meinungsmedium', das Printausgabe und Online-Aktivität, Medienmacher und Mediennutzer auf intensive Weise fordernder als woanders üblich miteinander verbindet und in Dialog bringt.” Darüber hinaus könne sich Augstein in jedem Medium sicher bewegen. “Er ist ein Mann mit Eigenschaften, der etwas zu sagen hat und mit Charakter vertritt.”
In seiner Laudatio beschrieb der Chef des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Patrick Bahners, Augsteins Engagement: “Eine Insel des Irrsinns wird umspült von einem Meer der Vernunft. Alles, was nicht Feuilleton ist in der Zeitung, wird heute umstrukturiert nach den Maßgaben einer Mikromarktforschung, die die Reaktionen von Lesern auf Textlängen, Überschriften, Bildgrößen und Satzfetzen misst. Und auch im Feuilleton wird die Landmasse des Irrsinns längst Quadratzentimeter für Quadratzentimeter zurückgedrängt.” Jakob Augstein habe das Irrationale an dieser Rationalisierung immer wieder benannt. Sein Engagement stehe für eine besonders ehrenwerte, höchst seltene Spielart der Medienpublizistik, die realistisch und passioniert zugleich ist.
Augstein selbst, der per Videokonferenz zugeschaltet war, sprach in seiner Replik von den Herausforderungen, die der Journalismus heute vor sich habe: “Die Branche ist nicht zimperlich. Das ist vielleicht die Kehrseite des Netzes und damit auch der Freiheit.” Der Verleger erinnerte auch an den aktuellen Streit um die Tagesschau-App. “Die Freiheit ist von den Medien bedroht und nicht von der Politik. Eine App wie die der Tagesschau erfüllt doch den Grundversorgungsauftrag im besten Sinne.” Augstein forderte im Hinblick auf den Streit zwischen Springer-Verlag und den Öffentlich-Rechtlichen, dass es ein duales System im Netz geben müssen. “Alle mit allen”, lautet sein Motto.
In einer anschließenden Debatte zum Thema "Nichts als eine Leerstelle? Euro-Themen und die europäische Öffentlichkeit” diskutierten Manfred Erdenberger, Patrick Bahners und Andreas Stopp zusammen mit Grimme-Direktor Uwe Kamman über die Wahrnehmung und Rolle von Europa in den Medien. Patrick Bahners mahnte, dass sich alle einmal Gedanken zu Europa machen müssten: “Wir können nicht immer nur die Intellektuellen anrufen, um die Weltlage zu erklären. Das ist der Diskussionsstand von post-1989.” Andreas Stopp glaubt, dass es kaum wechselweises Interesse am Kennenlernen der Lebensumstände gäbe. Überhaupt: “Die große Idee Europa ist nicht umgesetzt worden.” Er sei auch ein wenig skeptisch, ob die Medien genug tun, um Europa verständlicher zu machen. Manfred Erdenberger wies darauf hin, dass Europa viel mehr sei als der Euro: “Wir sind eine Wertegemeinschaft und haben eine Friedenstradition. Wir dürfen uns nicht immer nur auf die gemeinsame Währung konzentrieren.”
Der Bert-Donnepp-Preis wird seit 1991 vom Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises e.V. traditionell im Rahmen des Bergfestes zur Halbzeit der Jurywoche im Grimme-Institut verliehen.
Bert-Donnepp-Preis für die Medienredaktion des Deutschlandfunks
Begründung der Jury:
Seit bald 20 Jahren berichten die Macher von „Markt und Medien“ jeden Samstag um 17 Uhr regelmäßig, zuverlässig und kompetent über das aktuelle Mediengeschehen. Im April 1993 starteten Andreas Stopp, Brigitte Baetz, Bettina Köster und Bettina Schmieding das Magazin „Markt und Medien“ im Deutschlandfunk und sind seither im Hörfunk sachkundige Chronisten der Medienwelt. Die Rolle des „Zeit“-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo beim Comeback des Freiherrn zu Guttenberg, die Entlassung eines Chefredakteurs in Russland, die Schwierigkeiten der Lokalzeitungen im ländlichen Raum Mecklenburg-Vorpommerns oder die Frage, wer Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ beerbt – über all das berichtet das Team um Andreas Stopp engagiert und kenntnisreich, häufig unter tätiger Mithilfe der Landeskorrespondenten und der Auslandskorrespondenten des Senders.
Die Redakteure setzen sich kritisch mit dem Mediengeschehen auseinander und wahren dabei stets die notwendige Distanz zu allen Akteuren, auch den öffentlich-rechtlichen, zu deren Senderverbund der Deutschlandfunk gehört. Wo andere an der Oberfläche kratzen, zielen sie auf den tieferen Erkenntnisgewinn. Anstatt die gängige Medien-PR-Sprache zu duplizieren, suchen sie die eigentliche Nachricht hinter der Selbstdarstellung von Intendanten, Geschäftsführern und Staatskanzleichefs. Tabu ist für sie nur das eigene Haus – so finden auch keine Werbebeiträge Eingang in die Sendung.
Das Programm ist auch nach 18 Jahren noch geprägt von großer Offenheit und Neugier allen Themen gegenüber, pro Sendung werden bis zu vier Themen hintergründig vertieft, die anderen Themen der Woche werden in ausführlichen Nachrichten verzeichnet, die häufig durch O-Töne ergänzt werden. Die Kontinuität und das Engagement des Teams werden vom Sender belohnt durch einen zuverlässigen Sendeplatz. So ist „Markt und Medien“ für alle, die über das Mediengeschehen auf dem Laufenden bleiben wollen, zu einem unverzichtbaren Begleiter geworden. Auch spröde Themen bereiten die leidenschaftlichen Hörfunkjournalisten ansprechend für das Radio auf, ohne dabei die professionelle Information einem überzogenen Unterhaltungsanspruch zu opfern. Die Sendung ist eine Insel der Sachkenntnis im Einerlei der Radiowellen und leistet einen unschätzbaren Beitrag zur Medienkompetenz der Hörer.
Besondere Ehrung für Jakob Augstein
Begründung der Jury:
Jakob Augstein, 44, hätte mit seinem biografischen Hintergrund das Naheliegende wählen und es sich einfach machen können. Doch er hat für sein publizistisches Wirken den mühseligen Weg gewählt und sich nicht an etablierten Produkten beteiligt, ebenso wenig wie er als Journalist vorgefertigte Meinung perpetuiert. Dies zeigt er so regelmäßig wie verlässlich in seiner Kolumne mit dem schönen programmatischen Titel „Im Zweifel links“, die wöchentlich bei „Spiegel Online“ zu lesen ist und jeweils donnerstags veröffentlicht wird. Dort schreibt Augstein über Netzdemokratie und Guttenberg, über den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks („Rettet ARD und ZDF!“, 9.6.11) oder die Unmoral der „Bild“-Zeitung. Und zum 20-jährigen Bestehen des Internet schreibt er einen Satz wie diesen: „Profit und Furcht werden diesem großartigen Experiment den Garaus machen.“ (28.7.11). Jakob Augstein hat sich – und das kann gar nicht hoch genug geschätzt werden – weit von der üblichen Verlegerposition entfernt und mit nüchterner und rationaler Sehweise deren Kulturkampf gegen die öffentlich-rechtlichen Sender pointierte Aufklärung entgegensetzt.
Mit dem Kauf der kleinen Wochenzeitung „Der Freitag“, deren Verleger er seit 2008 ist, bewies Jakob Augstein Pioniergeist und wurde in der publizistischen Landschaft Deutschlands zu einem Medien-Architekt, indem er ein neues Blatt entwarf, ein „Meinungsmedium“ (so die ungewöhnliche Eigendefinition), das Printausgabe und Online-Aktivität, Medienmacher und Mediennutzer auf intensive Weise fordernder als woanders üblich miteinander verbindet und in Dialog bringt. In der Kooperation des „Freitag“ mit dem britischen „Guardian“, die Augstein anschob, zeigt er auch Möglichkeiten einer europäischen Qualitätspublizistik auf.
Jakob Augstein ist darüber hinaus einer der wenigen Branchenvertreter in diesem Land, die in allen Medien publizistisch souverän auftreten können, ob es um Print, Fernsehen oder Internet geht. Er ist ein Mann mit Eigenschaften, der etwas zu sagen hat und mit Charakter vertritt. Und bei dem das demokratische Gefühl als inneres Movens vorhanden ist, über das man nicht lange nachdenken muss. Für die gesellschaftspolitische Publizistik im Allgemeinen wie für den Medienjournalismus im Speziellen ist unter neuem Vornamen die Signatur Augstein weiterhin ein Gütesiegel ersten Ranges.
Laudatio auf die Medienredaktion des Deutschlandfunks
Von Manfred Erdenberger
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich, dass man sich im knallharten täglichen Wettstreit, der nicht nur in Berlin zwischen Print- und elektronischen Medien ausgetragen wird, hier und heute mal wieder auf Gemeinsamkeiten und gemeinsame Verpflichtungen besinnt, auf moralische wie mediale Standards. Und das sich die „Freunde des renommierten Bert-Donnepp-Preises für Medienpublizistik“ einmal mehr auf „wahre Werte“ besonnen haben, das übergewichtige Fernsehen zugunsten des allgewärtigen Radios zunächst hint‘angestellt haben (kommt ja dann Ende März). Und wie schön, dass sie auch den Print-Medien wieder einen angemessenen Platz auf dem Podest eingeräumt haben.
Zum Hörfunk: Es ist ja leider die Ausnahme geworden, dass man als Journalist auch mal positiv und anerkennend über die Konkurrenz (besser: die Mitbewerber am Hörermarkt) spricht. Aber heute Abend tue ich es aus Überzeugung und deshalb gerne: Unsere vier Preisträger (Andreas Stopp, Brigitte Baetz, Bettina Köster und Bettina Schmieding) kommen von einem Sender, der selbst bei kritischen Geistern seine Stimme (besser: Stimmen) mit hoher Kompetenz und Qualität täglich bundesweit hörbar macht. Der Lohn: er wird, und das belegen auch die Zitate, aufmerksam verfolgt.
Was schon wieder eine Ausnahme in der heutigen Medien-, vor allem Radio-Landschaft, darstellt. Ich weiß, wovon ich rede: Ich durfte im letzten Jahr mit den Erfahrungen von 37 WDR-Jahren in der Jury des Deutschen Radiopreises über 260 Hörfunkbeiträge aus zehn Kategorien abhören und bewerten. Von den Qualitätsschwankungen bei öffentlich-rechtlichen wie privaten Anbietern ist mir manches Mal schwindlig geworden.
Nun mag ein werbefreies Radioprogramm wie beim DLF schon mal ein Qualitätsmerkmal an sich sein. Aber wo statt Information und Unterhaltung nur noch Unterhaltung ohne Information angeboten wird, wo man vorgebliche Satire für ein unverzichtbares Element hält oder wo flache Comedy kommentierte Realität ersetzen soll, ist für ich der Weg zum Ausschaltknopf nicht mehr weit.
Weil aber der zitierte DLF in einem achtzigprozentigen Wortprogramm mit handfesten Informationen aus Politik, Wirtschaft, Kultur – ich füge hinzu: und Medien – punktet, wird die Anerkennung der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen einschließlich der „sachkundigen Chronisten der Medienwelt“ nicht nur mit Preisen und Lobreden, sondern durch tägliche Aufmerksamkeit der Hörerschaft belohnt.
Übrigens auch die Bereitschaft bedeutender Interviewpartner ist dadurch gesichert. Da müssen die einschlägigen Redaktionen des DLF nicht um ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem allgegenwärtigen Fernsehen bangen.
Außerdem: Es ist schon schön, wenn die Interviews oder Berichte in den aktuellen Magazinsendungen länger sind als die An- und Abmoderationen in manchen Programmen des Hörfunks der großen ARD-Sender!
All das setzt Neugier und Offenheit gegenüber den Themen und Personen voraus – gerade in einer Zeit, wo man tagtäglich einen streckenweise gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen den alten und den neuen Medien erleben kann. Dazu hört auch der Mut zur Offensive, wo andere schon aus Vor- oder Rücksicht auf dem Rückzug sind.
Die Themen im Medienmagazin der letzten Wochen sind wie immer deutsch und international, bunt und emotional, aktuell und hintergründig. Stichworte: Problemhafte Fernsehbilder aus Syrien, die Folgen des Internet-Streiks, kriselnde Medien in Griechenland, Medienrecht und die Wulff-Affäre, BILD und Politiker, mediale Moskauer Risiken bei der Berichterstattung über Duma-Wahlen, der „Faktencheck“ zur unternehmens-nahen Nebentätigkeit des Moderators Frank Plasberg.
Es waren die besonders schweren Zeiten für Regional-Zeitungen in Mecklenburg-Vorpommern, ein Irak ohne US-Truppen, aber auch ohne Medienfreiheit, deutschsprachige Radioprogramme rund um die Welt oder Guttenberg‘s Medienorgel und seine aktuelle Agenda.
Die Stichworte überraschen nicht – wohl aber die Art der Aufbereitung und Präsentation.
Die Preisträger halten die notwendige Distanz zu den vermeintlichen oder tatsächlichen Größen in Politik und Medien, suchen aber andererseits auch die notwendige Nähe, um Tatbestände und Sachverhalte zu erklären und aufzuklären. Sie reden Klartext, wo PR-Texter oder Lobbyisten eher vernebeln. Wobei das Quartett aus Festen und Freien nicht nur im eignen Saft schmort, sondern durch gezielte Zulieferungen für das Gesamtprogramm eines breit aufgestellten Senders zu einer sprudelnden Quelle der Kompetenz wird.
Man ist angepasst – freilich nur an den medialen Themenwandel im Wandel der Zeit. Aber statt nur auf die moderne Technik und damit das Internet zu setzen, nur zu twittern anstatt auch mal zu kommentieren, nur Schnipsel auf Facebook einzustellen statt Bilder im Ohr zu erzeugen, entsteht mit „Markt und Meinung“ seit fast 2o Jahren eine „Oase des Wortes“ in einer „Wüste der Worthülsen“.
Angesichts der beschriebenen Distanz und der offenkundigen Bescheidenheit der Preisträger, sich nicht selbst zu loben, ist es verständlich, dass sich die heutige Auszeichnung in ihrer Sendung nicht wiederfinden wird. Leider damit auch nicht meine Laudatio – was eigentlich schade ist …
Ich empfehle aber den Machern des Internet-Auftrittes des Deutschlandfunks: ergänzt eure werbewirksam aufgezählten Marken-Werte wie „…aktuell, informativ, analytisch und kulturell“ mit der Liste der beispielhaften Sendungen nun auch noch in um die heute im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Medienredaktion - sie hat es verdient!
Für mich der einzige Schönheitsfehler: die Sendezeit kollidiert mit der Hochphase der Fußball-Bundesliga-Konferenz - aber 1.) gibt es andere mediale Möglichkeiten des Nach- oder Abhörens, – und 2.) das Desaster des 1.FC Köln ist um diese Zeit meistens schon besiegelt…
Schlussbemerkung: Ich denke natürlich an dieser Stelle an Bert Donnepp, den ich zu Beginn meiner Marler Zeitungs-Volontärszeit 1965 als Ikone seiner „insel-„ und „Grimme-Welt“ kennen- und schätzen gelernt habe, und der am Ende der Zeit ein guter und verlässlicher Freund geworden war. Deshalb freue ich mich ganz besonders darüber, dass ich heute den Preis verleihen darf, der seinen Namen trägt:
Herzlichen Glückwunsch, lieber Kollege, liebe Kolleginnen!
(es gilt das gesprochene Wort)
Laudatio auf Jakob Augstein
Von Patrick Bahners
Aufs Festland hinüber geht der Gruß des Lobredners. Meine Damen und Herren, dank der alltäglichen Wunder elektronischer Übermittlung hört und sieht uns der Empfänger der Besonderen Ehrung zum Bert-Donnepp-Preis, obwohl Jakob Augstein nicht unter uns im Saal sitzt. Aber wenn ich einen Moment lang vom Technischen absehe, so schwer das für einen Journalisten heute auch ist, wenn ich die Sorte des Textes, den ich hier vorlese, nach Feuilletonistenart bestimme, also mittels einer möglichst verblüffenden Metapher, dann komme ich darauf, dass ich eine Flaschenpost auf den Weg bringe.
Diese Pointe ist ausnahmsweise nicht auf meinem eher späthumanistischen als popkulturellen Mist gewachsen, ich möchte eigentlich gar nicht auf Adornos Charakterisierung der „Dialektik der Aufklärung“ anspielen. Nein, dass ich eine Botschaft aufgeschrieben, zusammengerollt und verkorkt habe und nun den Wellen überlasse, ohne zu wissen, ob sie überhaupt ankommt, das hat mir der Preisträger vorgegeben, ja geradezu diktiert. Er hat mir und meinesgleichen, Feuilletonredakteuren, unseren Platz auf der Medienweltkarte zugewiesen und uns als Insulaner identifiziert.
In einem recht langen Interview, das er nach dem Kauf des „Freitag“ gab und das, Zeichen der Zeit, nicht gedruckt wurde, sondern online zu lesen war und ist, äußerte sich Jakob Augstein zur Zukunft der Zeitungen. Dort bekannte er sich dazu, als „Angehöriger einer Bildungsschicht“ besondere Neugierden zu pflegen, die sich noch nicht marktkonform gemacht haben durch vorauseilende Suche nach den Sinnprodukten, für die andere Kunden sich interessieren. Augstein sagte: „Deshalb ist die klassische Zeitung auch etwas Schönes, weil sie im Feuilleton solche kleinen Inseln des Irrsinns bereithält.“ Meine Damen und Herren, Sie werden mir zustimmen: Die erfrischende Deutlichkeit dieses Satzes steht fürwahr für eine besonders ehrenswerte, höchst seltene Spielart der Medienpublizistik, die realistisch und passioniert zugleich ist.
Die tägliche Versorgung mit Neuigkeiten, sagte Jakob Augstein im zitierten Interview voraus, werde sich komplett ins Netz verlagern. Über die Aussichten derjenigen Tageszeitung, für die er selbst zehn Jahre lang arbeitete, stellte er fest: „Ich wüsste nicht, warum es die Süddeutsche in zwanzig Jahren noch geben soll.“ Kein Controller könnte das so kontrolliert formulieren.
In etwa zwanzig Jahren möchte ich dazu übergehen, meine Betriebsrente aufzuzehren. Kaufen kann ich mir nichts für den Trost, dass Augstein an gleicher Stelle über sein privates Leseverhalten mitteilte: „Ich lese täglich die FAZ und bin damit sehr glücklich.“ Demnach kann ich aber wohl immerhin hoffen, dass dieser glückliche Leser die Insel, auf der meine Kollegen und ich täglich unsere Irrsinnsarbeit tun, nicht für die Insel Elba oder gar das Sankt Helena des Printjournalismus hält. Vielleicht darf man den Archipel der Zeitungsfeuilletons mit den britischen Inseln vergleichen, der Heimstatt des Spleens, jener natürlichen Festung, deren Besatzung sich über Jahrhunderte aus den europäischen Staatsaktionen heraushielt, um sich das Recht auf Intervention im glücklichen Augenblick vorzubehalten.
Eine Insel des Irrsinns wird umspült von einem Meer der Vernunft. Alles, was nicht Feuilleton ist in der Zeitung, wird heute umstrukturiert nach den Maßgaben einer Mikromarktforschung, die die Reaktionen von Lesern auf Textlängen, Überschriften, Bildgrößen und Satzfetzen misst. Und auch im Feuilleton wird die Landmasse des Irrsinns längst Quadratzentimeter für Quadratzentimeter zurückgedrängt.
Jakob Augstein hat das Irrationale an dieser Rationalisierung immer wieder benannt – und er tut etwas: nicht einfach „dagegen“. Einen als unaufhaltsam erkannten Prozess aufhalten zu wollen wäre im Zweifel nicht links. Augstein tut etwas in der von ihm erkannten Lage. Und hier ist die Referenz an die „Dialektik der Aufklärung“ dann doch am Platz: Das Rationale und das Irrationale, Freiheitschancen und Verblendungszusammenhang sind in der Entwicklung der Medien zwei Seiten derselben Sache.
Wie kann man überhaupt vorankommen? Augsteins Antwort: Nicht auf dem Mittelweg der erpressten Versöhnung, sondern durch Ausreizen und Zuspitzen der dialektischen Möglichkeiten. Er hat eine Zeitung gekauft, damit es weiter eine linke überregionale Zeitung in Deutschland gibt. Und er kann sich in der nahen Zukunft dem nahenden Untergang von Süddeutscher und FAZ zum Trotz eine ganz neue Tageszeitung vorstellen, wie sie in England Tradition hat: ein Boulevardblatt von links.
Augstein, der vielgewandte Mann, ist Verleger und Journalist, Leitartikler und Blogger, Rollenswitcher auf der Höhe der Zeit und altmodischer Publisher, dessen Freude an der eingreifenden Meinung uns bekannt vorkommt. Zweifellos ein ganz besonderer Kandidat für den Bert-Donnepp-Preis: Fast alles, was Jakob Augstein publiziert, ist ein Beitrag zur Medienentwicklung, schon weil der Autor die eigene Rolle im Aufklärungszusammenhang reflektiert hat und transparent macht.
Irgendwas mit Medien muss man vielleicht machen, wenn man Augstein heißt. Der Universalist namens Jakob Augstein kennt die Inseln des Irrsinns nicht nur aus eigener Anschauung, sondern aus eigener Arbeit. Ich schwenke, dieweil der Klimawandel der Öffentlichkeit weitergeht und die Küsten der Kritik erodieren, unverdrossen mein in Bleisatz bedrucktes Fähnchen. Bevor ich hier am Rednerpult des Hauses, das unter dem Namen „Die Insel“ gegründet wurde, den Korken auf die Flasche tue und meine Post versende, setze ich ein P.S. darunter: Lesen Sie „Im Zweifel links“, meine Damen und Herren, Jakob Augsteins Kolumne auf „Spiegel online“. Das ist bestes Feuilleton!
(es gilt das gesprochene Wort)
Ausführliche Dokumentation
zur Begründung der Jury für die Medienredaktion des Deutschlandfunks
zur Begründung der Jury für Jakob Augstein
zur Laudatio von Manfred Erdenberger
zur Laudatio von Patrick Bahners
Stopps Replik als mp3 hier anhören
Augsteins Replik als mp3 hier anhören
