Die große Muster-Schau. Ein Rundblick auf Auslandsberichterstattung – medial offen

 

Referent: Stephan Weichert, Kommunikationswissenschaftler, Macromedia-Hochschule für Medien und Kommunikation (Hamburg)

 

Stephan Weichert: Konkurrenzdruck und Sensationsinteresse

 

Die Auslands- und Krisenberichterstattung sei wie kaum ein anderer Bereich des Journalismus in Deutschland unter Druck. „Honorarsenkungen wie bei der ‚taz‘,, Budgetkürzungen bei Nachrichtenagenturen, die Ausdünnung von Recherchepersonal, ein effizienteres Kostenmanagement bei ARD und ZDF und komplette Büroschließungen in allen Mediengattungen bedeuten empfindliche Einschnitte in die Budgets der Redaktionen und damit ihre Leistungsfähigkeit.“, sagte der Hamburger Journalistik-Professor Stephan Weichert bei der Auftaktveranstaltung der 20. Marler Tage der Medienkultur am 24.1. in Marl. Diese Entwicklung habe unmittelbare gravierende Folgen für die journalistische Qualität auf diesem Feld, betonte Weichert der auch stellvertretender Leiter des Studiengangs Journalistik an der Macromedia Universität, Hamburg, ist. „Auslandsberichterstattung ist vergleichsweise teuer, daher wird hier oft als Erstes gespart.“ Weicherts Thesen basieren auf einschlägigen Aussagen von Journalisten deutscher Medien. Diese seien Momentaufnahmen, nicht repräsentativ für das ganze Genre.

 

Es gilt die Maxime: Wer ist zuerst vor Ort?

 

Zwei Tage lang richten die „Marler Tage“ des Grimme-Instituts unter dem Titel „So weit, so fremd, so nah, so... - Auslandsberichterstattung als Grundversorgung“ einen kritischen Fokus auf eines der zentralen Ressorts der Medien. Die von den ARD-Anstalten BR, MDR, NDR und WDR unterstützten Marler Tage der Medienkultur 2013 sondieren in Podiumsdiskussionen und Werkstattgesprächen Status und Trends der Berichterstattung aus aller Welt in Deutschland, nicht zuletzt ihre Perspektiven in der Multimedialität des digitalen Zeitalters.


Weichert zufolge begünstigt die weltweite Expansion der Nachrichtenangebote den Konkurrenzdruck und das Sensationsinteresse im Auslandsjournalismus: „Statt nachhaltig-reflektierter Berichterstattung findet immer wieder ein interner Wettlauf statt.“ Maxime sei die schnellste Schlagzeile, das exklusive Bild und darum, „wer zuerst vor Ort ist“. Besonders die Ausweitung von News-Websites und globaler Player wie Al Jazeera setzten andere Medien gewaltig unter Zugzwang.

 

Wachsender Inszenierungszwang im Auslandsjournalismus

 

Das Web und das Fernsehen übernähmen, wie Weichert weiter ausführte, eine neuartige Agenda-Setting-Funktion. Diese fuße auf der Dominanz von Bildern:"Schnell, schmutzig, oberflächlich – so lautet inzwischen die Devise vieler Journalisten in Krisensituationen." Krisen- und Auslandsthemen würden nach dem Eindruck der befragten Akteure eher „abgebildet als eingeordnet“. Man gehe nach der Devise vor, Hauptsache, es sei gelungen, die stärksten Bilder und eindrucksvollsten O-Töne einzusammeln.

 

Der Hamburger Journalismusexperte ging kritisch auf den "wachsenden Inszenierungszwang" in der Auslandsberichterstattung ein. Damit wachse die Gefahr, dass in allen Mediengattungen zuweilen Parallelwelten entstünden, die immer weniger mit der sozialen Realität zu tun hätten. Auslandsregionen würden häufig nur durch die „Krisen-Brille“ betrachtet. Dabei werde das Inszenierungsdiktum zum Prinzip erklärt, frei nach dem Motto:„Nehmen Sie bitte das Trümmerstück in die Hand und schauen Sie nicht in die Kamera.“

 

Bei Grimme: Johannes Hano, Michael Strempel und Ariane Reimers (v.l.)

 

Als zentrale Stärken der Auslandsberichterstattung des Fernsehens nannte der Medienexperte die Vermittlung von Emotionen und Stimmungen. Damit ermögliche es ein Stück "Selbstvergewisserung" des Zuschauers. Radio könne bei der Vermittlung der Welt ein "ausgesprochen kluges Medium" sein. Der Hörfunk generiere Überraschungen. Das Medium schaffe es in seinen stärksten Stücken, sich vom Diktat der Schnelligkeit zu befreien, verbinde Reflexion mit Sinnlichkeit.Das Plus der Presse resultiert Weichert zufolge aus der anderen Produktionsweise im Vergleich zu den elektronischen Medien. Mit dem zeitlichen Abstand wachse bei den Printmedien die Chance größerer Gründlichkeit und Beharrlichkeit. "Presse kann ein zentrales Korrektiv in der Auslandsberichterstattung sein und bleiben", stellte Weichert heraus. Das Internet nannte er das "ambivalenteste Medium" in der Berichterstattung. Es biete unzweifelhaft hervorragende Recherchequellen, ferner Möglichkeiten, die gelenkten Informationsströme autoritärer Regime zu umgehen. Relevant sei insbesondere die Partizipations- und Diskursdimension des Netzes.