Satire und ein Hashtag

Die Preisträger des Grimme Online Award 2013

 

Acht Webangebote wurden am 21. Juni für ihre herausragende publizistische Qualität im Netz mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Dies gab das Grimme-Institut im Rahmen einer festlichen Gala im DOCK.ONE in Köln bekannt. Markus Kavka moderierte die Veranstaltung, für die Musik sorgte die Band VIMES.

 

Uwe Kammann (r) mit Moderator Markus Kavka. Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Publizistische Bereicherung

Die nominierten und die prämierten Angebote belegen nach Aussage von Grimme-Direktor Uwe Kammann in sehr eindrücklicher Form die vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Sie reichten von virtuoser Aufklärung über nachhaltige Teilhabe, gesellschaftskritische Auseinandersetzung und engagierten Groß-Diskurs bis hin zur spielerischen Unterhaltung, aber auch bis zum berührenden Ausloten existenzieller Fragen und Lebenssituationen. Das augenblicklich vielen Bürgern so bedrohlich scheinende Netz, so Kammann, "ist immer auch ein Ort einer inzwischen unverzichtbaren publizistischen und kommunikativen Bereicherung, mit oft höchst individuellen Urhebern."

 

Nutzerinnen des Hashtags Aufschrei mit Laudator Jan Hofer. Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Gesamtgesellschaftliche Diskussion

Zum ersten Mal in der Geschichte des Grimme Online Award wurde mit #aufschrei ein Hashtag prämiert. In der Kategorie Spezial schafft es damit erstmals ein Diskurs auf das Siegertreppchen. Die Jury würdige "eine gesamtgesellschaftlich in aller Breite geführte Diskussion, die im Web mitgezündet wurde, bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei an Dynamik gewann, sämtliche Mediengrenzen übersprang. Und bis heute Menschen in ganz Deutschland (und darüber hinaus) bewegt."

 

Die erfreuliche Entwicklung zu einer neuen Verzahnung von Off- und Online-Debattenkultur hebt die Jury in ihrem Statement ebenso lobend hervor wie den gekonnten Umgang mit der Sprache im Internet, der entgegen vieler Befürchtungen in neuen Online-Formen kultiviert werde. So sei der Jury aufgefallen, "dass es in diesem Jahr einige Nominierte gab, die besonders kreativ und einfallsreich mit der Sprache gearbeitet haben, um bekannte Inhalte aus einer anderen Perspektive zu betrachten."

 

Thomas Bigliel (l) und Markus Koller (r) von "Politnetz" mit Laudatorin Carolin Kebekus. Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Satire und politische Partizipation

Ein prominentes Beispiel für den virtuosen Umgang mit Worten ist die Website "Der Postillon", die sowohl mit dem Jurypreis in der Kategorie Information, als auch mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Über die Satireseite, auf der Stefan Sichermann täglich aktuelle Nachrichten parodiert, schreibt die Jury: "Die Ironie ist in Gefahr, in der Informationsflut zu ertrinken. Aber ‚Der Postillon‘ hat ihr ein Rettungsboot geschickt."

 

Auf die ernsthafte und kontroverse Auseinandersetzung mit der Schweizer Politik setzt das "Politnetz", das ebenfalls in der Kategorie Information prämiert wurde. Die eidgenössische Plattform stelle Themen und Entscheidungen des Schweizer Parlaments zur Diskussion, die zwischen Politikern und Bürgern auf Augenhöhe geführt werde. Mit diesem Preis setze die Jury "ein Zeichen für politische Partizipation im Web".

 

Patrick Breitenbach (r) und Nils Köbel von "Soziopod" bei der Preisvergabe. Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Soziologie im Podcast

Drei Preise gab es in der Kategorie Wissen und Bildung. In ihrem "Soziopod"-Podcast widmen sich Patrick Breitenbach und Nils Köbel mit einer breiten Themenauswahl dem Zwiegespräch über soziologische und philosophische Fragen. In ihren Folgen, urteilt die Jury, kämen die beiden breit gebildeten Autoren ohne Umschweife auf den Punkt, widmeten sich erst den wissenschaftlichen Grundlagen, "bleiben dann aber im Gespräch und in der Diskussion angenehm niedrigschwellig und verständlich."

 

Das Multimedia-Special "Plan B" der Deutschen Welle porträtiert in fünf europäischen Krisen-Ländern "selbstbewusste junge Menschen", so die Jury, "die sich nicht aufgeben, konstruktiv mit Arbeitslosigkeit und Geldmangel umgehen und dabei erfolgreich ihren ‚Plan B‘ in die Tat umsetzen." Die Jury lobt die mit Humor gewürzte und liebevolle multimediale Aufbereitung des Themas, die den Betrachter emotional teilhaben lasse. Zudem lade sie zu einem tieferen Eintauchen in die Situation des Landes ein, als es die klassische Berichterstattung zu leisten vermöge.

 

Heidelinde Blumers (l) von Arte mit Laudatorin Ann-Kathrin Kramer. Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Ergreifende Dokumentation

Im Rahmen der vierzigminütigen ARTE-Web-Dokumentation "Alma" schildert eine 26-jährige Gang-Aussteigerin den brutalen Alltag in ihrer Heimat Guatemala und erzählt ihre erschütternde Lebensgeschichte. Den Machern von "Alma" gelingt es nach Auffassung der Jury auf eindrucksvolle Weise, ein vielschichtiges Thema in Erzählform zu verdichten. So erzeuge die Konfrontation von Angesicht zu Angesicht mit der Protagonistin eine beklemmende Nähe. Die Jury ergänzt: "Die Form der Aufbereitung macht das Erlebte nachvollziehbar und liefert den geeigneten Rahmen für Almas Botschaft, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann."

 

Die 11FREUNDE-Redaktion mit Laudator Hans Sarpei (r). Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Fußball und Kunst

In der Kategorie Kultur und Unterhaltung prämierte die Jury den "11FREUNDE Liveticker", der zwar auch Fußballnews für Kenner, in erster Linie aber klug gemachte Unterhaltung auf höchstem Niveau biete, sogar für Menschen, die sich nicht für Fußball interessierten. In der Jury-Begründung heißt es dazu: "Die 11FREUNDE nehmen sich selbst auf die Schippe, schlagen mit leichter Hand einen Bogen zu Ereignissen in Politik und Gesellschaft, nutzen das Spiel als Projektionsfläche für ihre Schlaglichter und haben ganz offenkundig eine unbändige Spielfreude daran, die Kombinationsfähigkeiten ihres Publikums auf die Probe zu stellen."

 

Der zweite Gewinner in dieser Kategorie, die "museumsplattform nrw", sammelt Exponate aus 20 nordrhein-westfälischen Museen erstmals an einem zentralen digitalen Ort. Über die Grenzen der einzelnen Museen hinweg, so die Jury, schaffe die Plattform neue Ausstellungsräume: "Die Exponate lassen sich nach individuellen Kriterien anordnen, wodurch völlig neue Werkkonstellationen entstehen und ein gänzlich neuer Zugang zu Moderne und Gegenwartskunst ermöglicht wird."

 

Beim Publikumspreis des Grimme Online Award waren fast 50.000 Stimmen eingegangen. Sieger wurde "Der Postillon". Auf die Plätze zwei und drei wählte das Publikum den "11FREUNDE Liveticker" und "RAPutationTV".

 

Preisträger des klicksafe Preis für Sicherheit im Internet mit Laudatorin Alina Levshin (l). Foto: Grimme-Institut/Jens Becker

Prämierte Sicherheit im Netz

Neben dem Grimme Online Award wurde auch der "klicksafe Preis für Sicherheit im Internet" vergeben. In der Kategorie Webangebote erhielten "Netz-gegen-Nazis.de" und "no-nazi.net" der Amadeu Antonio Stiftung einen Preis. Die klicksafe Preis-Jury hob in ihrer Begründung besonders die sehr gelungene unterschiedliche Ansprache der Zielgruppen über beide Webangebote sowie die inhaltliche Qualität hervor. In der Kategorie Projekte konnten sich die Medienkompetenztage "Chancen und Risiken" 2013 der Realschule plus Bingen durchsetzen. Die Jury überzeugte vor allem das schulinterne Engagement, das die Medienkompetenztage an der Realschule plus Bingen ermöglicht. Ausgewählt wurden die Gewinner von einer Fachjury der Initiative "klicksafe", einem gemeinsamen Projekt der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz und der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM).

 

Magazin zum Preis

Das zum 13. Grimme Online Award erscheinende "grimme"-Magazin bietet Informationen zu allen Nominierten und Preisträgern sowie Beiträge zum Schwerpunktthema Finanzierung publizistischer Webangebote. Zu den Autoren gehören Thomas Knüwer, Unternehmensberater und Blogger ("Indiskretion Ehrensache"), Volker Grassmuck, Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg, Alexander Houben, Chef vom Dienst beim Trierischen Volksfreund, sowie der Blogger Thomas Wiegold ("Augen geradeaus!").

 

Die Unterstützer

Der Abend wäre ohne die Förderer und Partner des 13. Grimme Online Award nicht möglich gewesen. Dazu gehören das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln, die das Projekt finanziell fördern, sowie die Kölner Fernseh-Produktionsfirma GRUNDY Light Entertainment, welche wieder die Produktion der Video-Einspieler für die Preisverleihung übernommen hat. ŠKODA AUTO Deutschland begleitete den Grimme Online Award erneut als Fahrzeugpartner, wie auch das Düsseldorfer Studio für Gestaltung und Pre-Press, Digibox, wieder die aktuelle Preispublikation "grimme" zum Grimme Online Award als Printmagazin und eine App zum Preis gestaltet hat. Gedruckt wurde die Preispublikation von Set Point Medien, die den Grimme Online Award als neuer Partner unterstützen. TV SPIELFILM ist bereits im neunten Jahr Medienpartner des Grimme Online Award, und Samsung Deutschland leistete als neuer Partner medientechnische Hilfestellung.

 

Im Blog "quergewebt" finden sich Interviews mit den Nominierten und ein Bericht über die Preisverleihung. Aktuelle Informationen gibt es auf Facebook unter www.facebook.com/grimme.online.award. Fotos von der Preisverleihung stehen unter www.flickr.com/photos/grimmeonlineaward zum Download bereit und Videos zum Grimme Online Award gibt es bei YouTube.