Jurybegründung "Walulis sieht fern"

In den (Un-)Tiefen des Programmangebots – beim Kleinsender Tele 5 nach Mitternacht – verborgen, findet sich eine der vergnüglichsten Entdeckungen des TV-Jahres. „Walulis sieht fern“ amüsiert den Normalzuschauer und lässt den professionellen Fernsehbeobachter geradezu diebische Freude empfinden. In vier Halbstündern zieht das Format treffsicher alles durch den Kakao, was populäres Format-TV heute ausmacht. Die ewig gleiche „Tatort“-Stanze wird ebenso entlarvt wie das StandardPrinzip hinter Coaching-, Dating- oder Koch-Doku-Soaps.

 

Philipp Walulis und seine Mitstreiter beobachten so präzise, dass ihre Form der Satire als wertvoller Beitrag zu Medienkritik und Medienpädagogik durchgehen kann. Schon mancher Journalist und Wissenschaftler hat sich wortreich an den modernen Nerv-Phänomenen abgearbeitet, die der Preisträger spielerisch auf den Punkt bringt. Obwohl mit schmalstem Budget produziert, sind seine Parodien auf das typische „D-Promi-Dinner“ oder das einschlägige „Landwirt sucht Liebe“ im Look erfrischender und in der Pointensicherheit ergiebiger als viele große Prime-Time-Comedys.

 

Mit dem „Typischen Tatort in 123 Sekunden“, dem Glanzstück der Reihe, ist Walulis zudem ein echtes Social-Media-Phänomen gelungen: rund 350.000 YouTube-Abrufe innerhalb von zwei Monaten. Am Präsidiumsschreibtisch fragt der Kommissar die Kommissarin: „Sag mal, weshalb sind wir eigentlich so unterschiedlich?“ Sie: „Damit Spannung zwischen uns entsteht.“ Er: „Und was bringt das dem Zuschauer?“ Sie: „Hin und wieder wird es deshalb zu lustigen Situationen zwischen uns kommen.“ Später will er wissen: „Haben wir eigentlich schon ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz?“ Sie: „Du meinst den verkrampften sozialkritischen Einschlag? Kommt jetzt – Atomlobby!“

 

Die Spielfreude von Walulis’ Freunden und Bekannten, die ihn vor der Kamera unterstützen, verwandelt fies-feine Texte in sehenswerte Kabinettstückchen. Zwar begleitet Walulis das eigene Medium mit kritischem, teils deftigem Humor, doch erfreulicherweise bleiben ihm sowohl der übertriebene Aufklärungsgestus als auch der Zynismus mancher Medienmagazine fremd. „Fernsehen macht blöd – aber auch unglaublich viel Spaß!“, heißt das gelebte Motto des Preisträgers. Diese Einstellung kann der Branche wie ihren Konsumenten nur gut tun. Eine Fortsetzung von „Walulis sieht fern“ ist aus Sicht der Grimme-Jury daher dringend angeraten.