Jurybegründung "Alarm am Hauptbahnhof"

„Alarm am Hauptbahnhof“ ist ein Film über das Stuttgarter Protestleben, inklusive seiner komischen Seiten. Sechs Monate lang haben Wiltrud Baier und Sigrun Köhler gedreht, vom „Schwarzen Donnerstag“ im September 2010, als der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus der Protestbewegung mit einem harten Polizeieinsatz den Garaus machen wollte bis zu den Wahlen im März 2011, als die Protestbewegung der politischen Karriere von Mappus den Garaus machte. Sie sind unter die Leute gegangen, ins Zeltlager der Parkschützer, sie haben sich neben debattierende Stuttgarter gestellt. Sie haben zugesehen, wie ältere Männer und Frauen trainierten, der Polizei das Wegtragen möglichst schwer zu machen. Sie haben die Bürgerfrauen von Stuttgart beobachtet, wie sie mit Raffinesse die Protestaufkleber so auf Straßenschilder und Laternenpfähle pappen, dass die Stadtreiniger sie gar nicht mehr runterkriegen.

 

„Alarm am Hauptbahnhof“ ist ein Film, der von der Dramatik des Konflikts und von den Mühen der Demokratie auf leichte Weise erzählt. Das Komische kommt in die Szenen nicht zur Extra-Belustigung, sondern weil das Leben sowieso komisch ist, schon gar, wenn das schwäbische Bürgertum den Aufstand probt. Die Herangehensweise der Filmemacherinnen ist nicht analytisch, sondern neugierig und manchmal auch hinterlistig. Sie wissen als Eingeborene offenbar genau, wo sie fündig werden und sie fördern Szenen zu Tage, die man im Fernsehen sonst nicht gesehen hat.

 

So verwenden sie souverän die Methode, Bilder aus der Sphäre von Politik und Medien  mit den eingefangenen O-Tönen Beteiligter kommentieren zu lassen. Als Heiner Geißler zu Beginn der Schlichtung sich am Stuttgarter Hauptbahnhof der Presse stellt, ist er so von Mikrophonen und Kameras umstellt, dass die weiter hinten Stehenden nichts verstehen können. Deren Kommentare liegen nun über den Bildern. Hat Geißler jetzt was über einen Baustopp gesagt oder nicht? „Wir müssen nach Hause gehen und uns das im Fernsehen ansehen“, sagt eine frustrierte Zuhörerin und setzt hinzu, „aber da ist alles schon wieder geschnitten“ - angewandte Medienkritik.

 

 „Alarm am Hauptbahnhof“ ist ein wunderbares Stück Fernsehen von der Seite her, aus ungewöhnlicher Perspektive gedreht, ironisch und mit unverkennbarer Sympathie für das Widerständige. Wer in zehn Jahren wissen will, was eigentlich die Stuttgarter in den Jahren 2010 / 2011 umgetrieben hat, wird auf diesen Film zurückgreifen können und fündig werden.