Jurybegründung "The Other Chelsea"

Sahsas Godot heißt Rinat Achmetow. Der muss investieren, die marode Kohlemine Pulitkowskaja in Donezk zu neuem Aufschwung führen. Sahsa, 55, war dort 30 Jahre lang unter Tage, jetzt hockt er im Büro; wie seine Kumpels ist er eingeschlossen in einer Stimmungsblase aus Melancholie, der Sehnsucht nach ruhmreichen Sowjetzeiten und dem Erfolg von Schachtjor Donezk.

 

Koljas Godot heißt auch Achmetow. Der Jungpolitiker und Jungunternehmer, 28, sucht die Nähe zum mächtigen Mann. Der Milliardär und Schachtjor-Eigner aber lässt sich in seiner fernen VIP-Lounge feiern. Neben ihm steht Viktor Janukowitsch, Chef der „blauen“ Partei der Regionen, Widerpart der „Orangenen Revolution“ in Kiew. Alle wollen was von Achmetow: Sascha Arbeit, Kolja Aufstieg, Janukowitsch Macht, und ach ja, Jakob Preuss, Regisseur und Autor von „The Other Chelsea“, will Kontakt zur Zentripetalkraft im Dreieck ausWirtschaft, Business und Sport.

 

Godot bleibt seinem Nimbus treu. Der Oligarch ist unnahbar, undurchsichtig, ein Grüßonkel und Feinlächler. Vielleicht will er mit Roman Abramowitsch gleichziehen, der als Besitzer des Londoner Klubs FC Chelsea in der Milliardärsliga spielt. Kommt Zeit, kommt die Zeit von Schachtjor Donezk. Das Leben ist eine Matroschka. Wahrheiten gibt es mehrere, hat nicht nur Kolja gelernt.

 

Im Stadion finden sie sich alle ein, die Preuss als Mitspieler für seine Donezk-Assemblage engagiert. Zentralachse ist der Verein, der während der Dreharbeiten mit Brasilianern den Uefa-Cup gewinnt. Und wer hat sie eingekauft, wer baut die neue Fußball-Kathedrale? Rinat Achmetow, der Patriot, the other chelsea, Held des bedingungslosen Fans Sasha und Leitstern von Kolja, Fan aus Opportunismus.

 

Preuss macht keinen Fußballfilm, der Autor hat gar keine Bilderrechte. Also behilft er sich mit Knetmasse und Animation, mit Spielfotos und Spielfreude. Putzig wirkt das nicht, so wenig wie das übrige Arrangement der Themen und Figuren. Preuss' Introspektion der Oben-und-unten-Strukturen kommt leichtfüßig daher. Der Zuschauer wird informiert, und er wird unterhalten.

 

Der souverän komponierte Film überzeugt auf seinen rhythmischen Ebenen, bei der Dramaturgie, bei der Regie, bei Schnitt und Musik. Preuss ist den Sahsas und Koljas sehr nahe, doch macht er sich nicht gemein. Er agiert mit den Aufsteigern und den Abgestiegenen. Skurrilität ergibt sich unter der Hand. Allein Godot, der bleibt ein Schemen. Kolja und Sahsa gehen weiter ins Stadion, sie warten weiter. Nur schauen sie in verschiedene Richtungen.