Aghet - ein Völkermord

Begründung der Jury:

 

„Aghet“ von Eric Friedler ist ein Glücksfall – trotz seiner bestürzenden Thematik. Denn der Film über den Völkermord an den Armeniern entreißt diesen von vielen ignorierten Genozid, der ab 1915 rund 1,5 Millionen Menschen das Leben kostete, dem Vergessen. „Aghet“ zeigt aber vor allem auch, wie aktuell und kontrovers er bis heute bleibt. Dabei bietet Friedlers Film nicht nur eine hervorragend recherchierte Dokumentation des so lange verleugneten Völkermords im nahen Osten. „Aghet“ schlägt zudem gekonnt gleich mehrere Brücken in die heutige Zeit.

 

Die augenfälligste ist die zwischen den historischen Ereignissen während des Ersten Weltkriegs und der heutigen Situation in der Türkei. Die Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, einer der Ausgangspunkte von Friedlers Recherchen, belegt dabei eindrucksvoll, dass die Frage nach dem Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich „untrennbar mit der Frage der Meinungsfreiheit in der heutigen Türkei verknüpft ist“ (Orhan Pamuk).

 

So zeigt „Aghet“ ganz konsequent, wie groß noch heute das Trauma des Völkermords und seines Abstreitens bei den Armeniern ist. Der Film belegt zudem, dass auch im 21. Jahrhundert vermeintliche diplomatische Notwendigkeiten und politstrategische Rücksichtnahme mehr zählen als die historische Wahrheit – und ein amerikanischer Politiker, der als US-Senator den Völkermord noch beim Namen nannte, jetzt als US-Präsident unter Wortfindungsstörungen leidet.

 

Die Früchte jahrelanger Kleinarbeit in Archiven sind dabei nicht nur zeitgenössische Filmsequenzen aus der Zeit vor und während des Genozids. Durch die Einbeziehung von Tagebuchnotizen, offiziellen Depeschen und privater Korrespondenz damaliger Augenzeugen aus westeuropäischen Staaten und den USA – darunter neben Diplomaten auch Krankenschwestern, Lehrer und Geistliche – gewinnt der Film eine zusätzliche Authentizität.

 

Auch hier beschreitet Friedler seinen ganz eigenen Weg und begnügt sich nicht damit, die besagten Schriftstücke in bekannter Manier abzufilmen. Dass in „Aghet“ die erste Garde deutscher Schauspieler – von Martina Gedeck über Ludwig Trepte bis zu Hans Zischler oder Burkhard Klausner – diese Briefe und Gedanken vortragen, dürfte – und sollte – Schule machen. Denn diese Art, dokumentarischen Texten zum Leben zu verhelfen, umschifft gekonnt alle Probleme und Fragwürdigen des in historischen Dokumentationen mittlerweile handelsüblichen fiktiven Nachspielens. Und wirkt in der sparsamen Inszenierung ungleich persönlicher und eindringlicher.