Iran Elections 2009

Begründung der Jury:

 

Das Grün in Iran war aus dem Bewusstsein der Weltöffentlichkeit alsbald verschwunden. Andere Themen rückten im Sommer 2009 in der globalen Medienagenda auf. Dabei hat die „grüne Welle“ genannte Bewegung, die bei der Präsidentschaftswahl gewaltsam niedergeschlagen wurde, nicht vollends ihre Kraft eingebüßt. Präsident Ahmadinedschads Gegner gehen heute wieder auf die Straße. Warum setzen sie sich den Gefahren weiter aus? Der Deutsch-Iraner Ali Samadi Ahadi sucht nach Erklärungen, arbeitet Vergessenes wieder auf. Sein Film Iran Elections 2009 ist journalistisch glänzend gemachtes Fernsehen, aber nicht nur. Er überzeugt auch visuell.

 

Aus der Not, keine realen Augenzeugen abbilden zu dürfen, macht Ali Samadi Ahadi einen: Comic. Er visualisiert in animierten Illustrationen, was die Netzwelt an Worten und Bildern über Irans Protesttage hergibt. Videos, Blogs und Tweets sind Ali Samadi Ahadis Quellen, die er in den fiktiven Biografien zweier Studenten verdichtet. Die Kunstfiguren Azadeh und Kaveh bringen einem den Schrecken des Wahlsommers nahe. Sie stehen exemplarisch für die sehr junge Gesellschaft der Islamischen Republik. Eine Gesellschaft, der das eigene Land, in Azadehs Worten, zum „Gefängnis“ geworden ist.

 

Die Ansprache des Films ist emotional und pathetisch, aber immer authentisch. Von Grausamkeiten ist zu hören. Die Trickbilder nehmen sich dagegen zurück. Ali Samadi Ahadi wählt nicht die ausschließliche Form des „Dokumentarfilms im Trickgewand“, wie es Ari Folman mit Waltz with Bashir vormachte. Er bittet Exiliraner fern ihrer Heimat zum Interview, damit sie berichten, analysieren, anklagen. Realmaterial und Animation sind klug montiert. Aus der Collage entsteht ein eindringliches Zeitgemälde, ein – Walter Kempowskis Echolot lässt grüßen – kollektives Tagebuch, das sich die Mittel moderner Kommunikation zunutze macht. Die neuen, die sozialen Medien werden hier fürs dokumentarische Fernsehen wegweisend umgesetzt. Und nicht zuletzt kann das alte Medium durch diese Collagetechnik auch ein jüngeres, an Politik eher uninteressiertes Publikum gewinnen.

 

Die Politik gibt unablässig den Stoff her für neue Filme. Nach den blutigen Junitagen trauen sich viele Iraner wieder zum offenen Protest, ermutigt durch die relativ friedlich verlaufenden Demonstrationen und Umwälzungen in Tunesien und Ägypten. Die politische Landkarte in Nordafrika und Nahost wird gerade dramatisch neu geordnet. Das Fernsehen muss diesen Prozess begleiten. Wie man es hervorragend machen kann, beweist Iran Elections 2009.