DDR Ahoi!

Begründung der Jury:

 

Für die Bürger der DDR hielt die staatliche Propaganda eine besonders beeindruckende Zahl bereit. Irgendwann hatte das kleine Land – durch welche Berechnungsvolten auch immer – statistisch den bedeutenden Platz 10 unter den größten Industrienationen der Welt errungen. Das mag heute absurd anmuten und war es wohl auch damals schon. Mit dem nicht minder absurd wirkenden, aber wohl zu Recht eingenommen 1. Platz in der Reihe der europäischen Seefahrernationen wurde hingegen kaum Staat gemacht.

 

Lutz Pehnert ist, getragen von einer dichten Teamleistung bei Redaktion und Produktion, mit seiner zweiteiligen Dokumentation ein Film gelungen, der das Publikum kenntnisreich in bislang eher unbekannte Gewässer führt: die DDR-Seeschifffahrt auf den Weltmeeren, mit Handelsflotte und Hochseefischerei, mit Aufstieg und Niedergang. Mit Hilfe einnehmender Zeitzeugen – allesamt vormalige Seeleute und Seefrauen – und ihrem unprätentiösen und reflektierten Schnack und einer facettenreichen, mehrschichtigen Kompilation aus dokumentarischem und nichtdokumentarischem zeitgenössischen Bildmaterial, zeichnet der Autor die historische Entwicklung nach und geht dabei nicht selten aufschlussreiche Ab- und interessante Nebenwege. Aufbauwille und Parteiauftrag, Überwachung oder späte Abwicklung finden ebenso Platz wie Eheprobleme, Frauen an Bord, Sturm oder Tod auf hoher See.

 

Der Film schafft es, sowohl den Menschen mit ihren verschiedenen Motivationen, Erfahrungen und Erinnerungen Raum zu geben, als auch deren Einbettung in die essentiellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die ihr Dasein auf See ermöglichten und bestimmten, aufzubereiten. Seine Geschichten erzählt er kurzweilig und mitunter amüsant und immer von leichter Hand, ohne das Schwere und Pro-blematische aus dem kritischen Blick zu verlieren. Jenseits von DDR-Nostalgie kann er sich so einige Anflüge von Seefahrersehnsucht und Seefahrerromantik leisten.

 

Am Ende macht der Film deutlich: Über die Weltmeere fuhren lauter kleine DDR-Gebilde. Die gesellschaftlichen Normen, Möglichkeiten und Grenzen, die es daheim und im Großen gab, wurden auf jedem Schiff mit auf große Fahrt genommen. Und dennoch existierte jenseits davon für die Menschen an Bord die Perspektive, das Land und seine bedrückende Enge zumindest temporär verlassen zu können. Blendet man den DDR-Hintergrund aus, ist das ein seit Jahrhunderten bestehendes zentrales und damit universelles Motiv für die Seefahrt.