Tatort: Nie wieder frei sein

Begründung der Jury:

Am Anfang des Tatorts „Nie wieder frei sein“ sieht man einen Mann, der einen Frauenkörper aus einem Lieferwagen zerrt, die Kleider von dessen Leib reißt, ihn professionell säubert und noch einmal mit dem Fuß dagegen tritt. Die Szene dauert nur zwei Minuten – und wirkt doch fürchterlich lang, da die Kamera von Philipp Kirsamer nicht still hält, sondern ständig in wackeliger Bewegung ist und den Zuschauer damit unweigerlich zum intimen Teilhaber des Geschehens macht. Danach blickt man aus einer unbewegten, göttlichen Perspektive von oben auf die den nackten, offensichtlich toten Leib – da bewegt er sich plötzlich: Melanie Bauer hat die zweifache Vergewaltigung überlebt. Und so geht ihre Geschichte dort weiter, wo ein „Tatort“ üblicherweise längst ausgeblendet hat: im Gerichtssaal.

 

Jedoch muss man diesen Film nicht dafür loben, dass er anders ist als alle anderen Ausgaben der Reihe: „Nie wieder frei sein“ erzählt so einfühlsam wie brutal von den verheerenden Folgen, die eine Vergewaltigung nicht nur für das Opfer, sondern auch für Angehörige und Freunde, für die damit betrauten Polizeibeamten und für die Anwälte hat.

 

Mit unerbittlicher Konsequenz spielt die Autorin Dinah Marte Golch Sein und Schein, Recht und Gerechtigkeit, berufliche Pflicht und individuelle Moral, Exekutive und Judikative gegeneinander aus, ohne eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Handeln zu geben. „Ich bin unschuldig“, beharrt der Täter Markus Rapp nach dem gewonnenen Prozess, der wegen illegal erbrachter Beweise, missglückter Identifizierungen und einer fehlenden Zeugin scheiterte. „Sie sind freigesprochen“, korrigiert ihn seine Verteidigerin, die ahnt, dass ihr Talent gerade dem Falschen zu Diensten war.

 

Regisseur Christian Zübert, wie Golch noch keine 40 Jahre alt, hat einen wahrhaften Schocker als oftmals melancholische Sozialstudie in Szene gesetzt. Zu nennen sind natürlich Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, deren Verhältnis ebenfalls unter diesem Fall zu leiden hat; vor allem aber überzeugt eine brillante Lisa Wagner in der Rolle der undurchsichtigen Verteidigerin Regina Zimmer: Ihr trockenes „Ja“, als der Richter wissen will, ob sie noch Fragen an die Zeugin habe, lässt noch ein jedes Mal den Gerichtssaal gefrieren ob der Unerträglichkeit, dass ihr da gerade der Freispruch eines offensichtlich Schuldigen gelingt. Ihr hilfloses „Sie hätten doch das Gleiche getan?“, nachdem sie als Mörderin ihres Mandanten enttarnt wurde, lassen die Kommissare nicht zufällig unbeantwortet.