Tabubruch - Begründung der Jury

 

Es scheint zunächst, als gebe es da nirgends ein Tabu mehr zu brechen: 
Schwule und Lesben sind in Politik und Kultur, in Film und Fernsehen 
bekannt, anerkannt, und sie können offen zu ihrer Neigung stehen. Doch 
gibt es eine Leerstelle, über die auch im Fernsehen so gut wie niemals 
berichtet wird - Homosexuelle im Profi-Fußball.

Das ist ein Thema, das weder gute Einschaltquoten verspricht noch 
aufregende Schlagzeilen - zumindest, solange sich nicht der erste 
Bundesliga-Spieler outet. Der DSF-Autor Aljoscha Pause hat dieses weitgehend verborgene Thema dennoch über zwei Jahre intensiv und nachdrücklich verfolgt, hat darüber zwei Filme gedreht,  die nicht reißerisch sind oder sensationssüchtig, sondern die eher das Gegenteil sind – manchmal sogar sehr leise und im Grunde in vielerlei Hinsicht traurig.

Sensibel nimmt Pause dabei die Zwischentöne in der Debatte wahr. Wenn 
etwa Trainer Christoph Daum sich einerseits liberal geben will und 
andererseits in seinen Sätzen doch immer wieder Homosexuellen-Klischees 
durchklingen. Der Autor zeigt die auf dem Fußballplatz -- vor allem auch unter 
Fans -- weit verbreitete Homophobie, und er erklärt, warum ein einschlägiges Outing für einen schwulen Fußballstar karrieregefährdend ist. Selbst das bloße Gerücht,  jemand sei schwul, taucht da in den Vertragsverhandlungen beim 
Vereinswechsel als belastend auf.

Mit diesen aufdeckenden Beobachtungen wird eine Debatte journalistisch gefördert, die auch in den öffentlich-rechtlichen Sendern nur selten zur Sprache kommt. Beeindruckend ist, wie nah Pause mit seinem Team an die sorgsam 
abgeschirmten Stars der Bundesliga kommt. Ihre Statements, die 
zwischen sozial erwünschter Toleranzerklärung und hartnäckigen 
Vorurteilen schwanken, lassen so zugleich ein Sittengemälde entstehen.

Pause sucht in diesem Sujet nicht die Sensation, er jagt keinem Outing 
hinterher. Seine beiden Filme sind im besten 
Sinne aufklärerisch. Im ersten Film, "Das große 
Tabu", zeigt er einen Missstand; im zweiten -- "Tabubruch" -- beschreibt er, wie versucht wird, diesen Misstand zu beheben. Das ist 
von einer Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit, die vorbildlich ist für 
den gesamten Sportjournalismus im Fernsehen