Galileo Spezial - Karawane der Hoffnung - Begründung der Jury

 

Rüdiger Nehberg ist ein Einzelkämpfer, aber vernetzt mit Freunden in aller Welt. Er -- positiver Protagonist dieses Films, aber beileibe nicht nur als Helden gezeigt -- hat sich zusammen mit seiner Frau Annette dem Kampf gegen Genitalverstümmelung verschrieben. 2009 richtete sein Verein TARGET eine Konferenz in Addis Abeba aus, auf der auch noch die rückständigsten Islam-Geistlichen und -Gelehrten vom millionenfachen Unrecht an Mädchen überzeugt werden sollten.

 

Ein Team von ProSieben begleitete die Nehbergsche Expedition nach Afrika. In einem äthiopischen Wüstendorf, in dem Nehberg von Freunden erwartet wird, finden sich auch die Mädchen, die auf der Konferenz vor den strengen alten Männern des Glaubens ihr Unglück und ihre dauerhaften körperlichen Schmerzen bezeugen sollen. Die Reportage konzentriert sich dann dokumentarisch auf den wechselvollen Verlauf der Konferenz, wo sich die Hardliner zunächst unbeweglich zeigen und Nehberg lernen muss, seine Emotionen zu zügeln und ein Verbrechen nicht „Verbrechen“ zu nennen. Diplomatie für Menschenrechte – diesen Spagat setzt der Film hervorragend in Szene, mit dichtem Kamerablick auf sowohl hoffende als auch unerbittliche Männergesichter, auf Mädchen, deren Liebreiz für den Zuschauer unleugbar verbunden ist mit dem bleibenden Schmerz ihres Unglücks.

 

Das Schwanken der Konferenz zwischen Scheitern und Gelingen macht die Spannung dieser facettenreichen Reportage aus. Am Ende kommt Bewegung ins Bild: Auch der Wortführer derer, die Beschneidung für islamisch und geboten halten, kommt, beeindruckt von den Aussagen der Mädchen und eines Gynäkologen, sichtbar ins Nachdenken und erwägt ein Verbot. Ein Anfang, mehr nicht: Denn ein Verbot müsste erst in den zurückgebliebenen Dörfern akzeptiert werden. Die „Karawane der Hoffnung“ ist erst in einer Oase angekommen, noch nicht am Ziel. Der Film weckt da keinerlei Illusion.

 

Bei diesem „Galileo Spezial“ handelt es sich um eine echte Eigenproduktion von ProSieben, einen erfreulichen Kraftakt des Senders. Die besondere Leistung des Autorenteams Bernhard Albrecht und Karsten Scheuren sowie ihrer Kameramänner besteht darin, eine Menschenrechtsaktion in klassischer Reportageform anschaulich und präzise zu begleiten. Schwierigkeiten und Widersprüche, auch bei den Menschenrechtsaktivisten, werden nicht unterschlagen. Ein großartiger Film, der gerade im Programmumfeld eines Privatsenders vorbildlich die gebotene Balance hält: populär gemacht und doch von respektabler journalistischer Seriosität.