Henners Traum - Begründung der Jury

 

Eigentlich hat „Henners Traum“ alles, was ein gutes Lehrstück ausmacht: einen tragischen Helden, ein fatales Projekt und eine eindringliche Moral, die uns die menschliche Fehlbarkeit vor Augen führt. Tatsächlich hat Klaus Sterns Film noch viel mehr: nämlich Humor, Geduld und Nachsicht.

 

Wenn wir mit Stern über zweieinhalb Jahre verfolgen, wie sich der Kleinstadt-Bürgermeister Heinrich „Henner“ Sattler für das größte Tourismusprojekt Europas einsetzt, dann sehen wir nicht nur zu, wie sich ein Provinzpolitiker an einem megalomanen Bau verhebt; wie er für Wellnesslandschaften im Wert von 450 Millionen Euro in einem Landstrich wirbt, der doch als „Hessisch-Sibirien“ verulkt wird; und wie männliche Seilschaften ihn nicht weiterbringen, sondern nur noch tiefer in ein Desaster namens „Schloss Beberbeck Resort“ reißen – eben weil in ihnen nur die Beziehungspflege, nicht jedoch die Faktenlage zählt. Da hätte Stern eigentlich genug Stoff zusammen, um aus dem Bürgermeister einen Schildbürger zu machen.

 

Stattdessen entwickeln wir Mitgefühl mit Henner. Wir leiden mit ihm, wenn er sich wieder einmal nicht auf seinen großmäuligen Partner, den Architekten Tom Krause,verlassen kann. Wir staunen mit ihm, wie leicht sich Ministerpräsident Roland Koch als Unterstützer für das Projekt gewinnen lässt. Und wir schämen uns für ihn, wenn er mit fürchterlichem Englisch vor internationalen Investoren vorstellig wird.

 

All das können wir, weil uns Klaus Stern nah an Henner heranführt – etliche Male sogar bis in sein Badezimmer. Doch dabei tritt Stern seinem Protagonisten nie zu nahe. Das gelingt ihm, weil er Henners aussichtslosen Kampf zu einer Reflexion darüber ausweitet, was Träume ausmacht. Mit Henner beginnt man sich zu fragen, wie viel man von der Realität ausblenden muss, um sie vielleicht doch noch zu verändern; und: wann Zielgerichtetheit aufhört und Verbohrtheit anfängt.

 

In Hessen hat „Henners Traum“ für einigen politischen Wirbel gesorgt. Schließlich zeigt der Film, wie ein Heer an Kontrollinstanzen und Beratern systematisch versagt. In uns Zuschauern arbeitet derweil die Frage weiter, was Henner im Innersten antreibt und ob er jemals davon loskommen wird.

 

Aufklären und bewegen – das sind die zwei Sachen, die großes Fernsehen leistet. Großes Fernsehen wie „Henners Traum“.