heute show - Begründung der Jury

 

Wirklich Neues aus der Anstalt. Lustiges, Listiges, Lärmendes vom Lerchenberg – das war tatsächlich eine Überraschung des vergangenen Fernsehjahres. Und für die Anstalt, das ZDF, war es sicher auch eine Mutprobe. Kann und -- vor allem -- darf das überhaupt funktionieren, eine Nachrichten-Comedy, die nicht nur im authentischen On-Air-Design des „heute-journals“ daherkommt, sondern die sich gleichzeitig auch diesen Nimbus der deutschen Nachrichtenlandschaft zur metamedialen Ausgangslage nimmt. Die schärfste Stilkritik am neuen „heute-journal“-Studio beispielsweise ­– die Rutschpartie eines Wasserglases auf dieser augenscheinlich kilometerlangen Nachrichtentheke – lieferte ausgerechnet die „heute-show“.

 

Anders gesagt: Diese „heute-show“ ist ein entschlossenes System. Sie wagt statt nur abzuwägen. Sie beschleunigt weit in den roten Bereich, ohne es sich im wohnlichen Satiresessel bequem zu machen. Genau deshalb ist ja die persönliche Entgleisung – wie bei der Kommentatorenkarikatur Gernot Hassknecht oder beim Außenreporterklischee Ulrich von Heesen -- ein gründlich inszeniertes Leitmotiv. Den wirklichen Wahnsinn aber sammelt die „heute-show“ im uninszenierten Alltag auf. Kühne Kunst ist es, wenn Ex-„Titanic“-Chef Martin Sonneborn mit minimalen Gesten und maximaler Geistesgegenwart tief in die Menschen dringt. Egal ob in Vertriebenenverbandsgeschäftsstellen oder auf SPD-Parteitagen: In Sonneborns seriöses „heute“-Mikrophon spricht ein Deutschland ohne Filter.

 

Hinter dem Moderatorenschreibtisch spricht Oliver Welke. Und ist mehr Ansager denn Anchorman, was allerdings nicht Problem, sondern im Gegenteil System der „heute-show“ ist. Denn mag auch Jon Stewarts „Daily Show“, diese tägliche us-amerikanische Nachrichtensatire, als Anschauung nicht ganz unbeteiligt gewesen sein (genauso wie übrigens „Rudis Tagesshow“), so steckt doch die „heute-show“ keineswegs einfach einen öffentlich-rechtlichen Satireauftrag ins Korsett eines amerikanischen Erfolgsmodells. Und: Wie der Chor der griechischen Tragödie bleibt Welke im Gegenteil immer auch Zuschauer seiner eigenen Schau. Ist ja auch kreuzkomisch, im Ganzen und im Einzelnen, wie beim mimetischen Ausnahmezustand namens Martina Hill.

 

Mit diesem Grimme-Preis würdigt die Jury auch die programmatische Entscheidung, die „heute-show“ inzwischen wöchentlich auszustrahlen. Die beschleunigte Frequenz entspricht Tempo und Timing der Sendung. Und Themen finden sich ohnehin genug – oder mangelt es etwa an Nachrichten?