Frau Böhm sagt nein - Begründung der Jury

 

Eines Tages liest Rita Böhm einen Igel auf der Straße auf, pflegt ihn, nennt ihn Heinz Walter, nach ihrem einstigen Chef, dem Gründer der Hewaro AG. Der sagte Sätze wie „Vorstand bedeutet Vorbild für Anstand“ und war ganz alte Schule. Auch die Sachbearbeiterin Rita Böhm hat sich in einem Leben mit altmodischen Werten eingekapselt. Natürlich ist der Igel ein Sinnbild für diese Frau und diese längst vergangene Zeit. Dass es trotzdem weder plump noch lächerlich, sondern im Gegenteil sehr stimmig wirkt, wenn Frau Böhm ihrem kleinen Schützling seinen sprechenden Namen gibt, ist eines der vielen Wunder des Films.

 

Oder vielmehr: Einer der vielen Ausweise von dramaturgischem, inszenatorischem und schauspielerischem Können, die dieses Wirtschaftsdrama so überzeugend machen. In loser Anlehnung an die Mannesmann-Affäre erzählt der Film davon, wie eine kurz vor der Rente stehende Sekretärin zu rebellieren lernt. Als sich die Bosse im Zuge eines Übernahme-Manövers ein paar satte Prämien genehmigen, verweigert Frau Böhm die erwartete mechanische Dienstleistung. Und löst damit nicht nur ein enormes Medienecho und den Beifall der Kollegen aus, sondern auch einen beispiellosen Wirtschaftsprozess.

 

Aber der Film gerinnt nie zur Hagiographie: Diese Frau Böhm ist keine glatte Heldin, sondern eine durchaus widersprüchliche Figur, die lange Zeit das viel einfachere Schweigen dem Neinsagen vorzieht. Senta Berger, sonst eher mit Eleganz und Glamour assoziiert, gibt dieser grauen Vorzimmerdame eine umwerfend überzeugende Mimik und Gestik. Komplettierter Kontrapunkt ist die junge Vorstandssekretärin Ira Engel, nicht minder herausragend gespielt von Lavinia Wilson. Sie verkörpert all das, was die schönen neuen Arbeitswelten ausmacht – fehlende soziale Absicherung, das Hangeln vom einen befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten, Überqualifizierung, grenzenlose Flexibilität.

 

Auch in dieser Figur unterläuft der Film einfache und billige Gut-Böse-Zuschreibungen. Er bietet das differenzierte Porträt zweier gegensätzlicher Frauen und damit nicht zuletzt einen großen Schauspielerfilm – die Besetzung ist stimmig bis in kleine Nebenrollen, für die hier stellvertretend die Jungdarstellerin Stella Holzapfel als Ira Engels Tochter Pauline erwähnt sei. Vor allem aber gelingt das fast Unmögliche: hochkomplexe und aktuellste wirtschaftliche Vorgänge als spannendes Fernsehspiel zu erzählen – fern jeglicher Lehrbuchhaftigkeit.